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Bericht vom 10.09.2019

Wasser - Ohne Wasser fließt nichts

Ausstellung BBK Stade-Cuxhaven im Kunstpunkt Schleusenhaus, Kunstverein Stade

© Jutta de Vries

Wasser
Ohne Wasser fließt nichts
Ausstellung BBK Stade-Cuxhaven im Kunstpunkt Schleusenhaus, Kunstverein Stade
Einführung am 8. September 2019 zur Eröffnung
Jutta de Vries




Ohne Wasser fließt nichts, kein Leben gäbe es auf der Erde, keine Pflanzen, Tiere, Menschen, keinen Gedanken, nicht einmal die Seele, nicht das Schöne und nicht den Schmerz und die Grausamkeiten der Natur. Es ist   d e r   Rohstoff, von dem wir abhängig sind.


Heute, im Zeitalter des Klimawandels und der Vermüllung der Meere, wird uns die Bedeutung des Wassers wieder mehr bewußt. Arbeit und Intelligenz waren nötig, um das Wasser dienstbar zu machen: Denn wer denkt z.B. noch in unserem westlichen Kulturkreis an das Wasserschleppen vom Stadt- und Dorfbrunnen zum täglichen Gebrauch: diese schwere körperliche Arbeit haben uns clevere Ingenieurskünste lange schon abgenommen, und wir sind uns der Kostbarkeit unseres Lebenselixiers gar nicht mehr so deutlich bewußt. Nicht vergessen darf man aber, daß 2/3 der Weltbevölkerung mindestens einen Monat im Jahr unter Wasserknappheit leiden oder nur verunreinigtes Wasser zur Verfügung haben.


„Panta Rhei“ – ich werde jetzt ein bißchen philosophisch – Panta Rhei nannten die alten Griechen die Flusslehre des Heraklit, nach der alles fließt und nichts bleibt, es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln; der fortwährende Stoff- und Formwechsel wird gesehen als Prozess der Welt. Dieses dynamisch „Sein“ zeigt sich als Einheit in der Vielheit und Vielheit in der Einheit. (Platon, Hölderlin, Hegel, Goethe)
Heraklit vergleicht seine Lehre mit dem Wasser: „Wir steigen in denselben Fluß und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht – Wer in denselben Fluß steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu“.
Auch das Alte Testament weiß um die weltumspannende Bedeutung des Wassers und spricht von 4 Flüssen, die das Paradies bedienen: Pison, Gihon, Hiddekel und Euphrat. Gesegnete Orte sind Orte mit Wasser, dort bauten die frühen Menschen Heiligtümer, die Wassertaufe machte „heil“ für die Gemeinschaft der Heiligen, die christlichen Brudergemeinschaften im MA legten ihre Klosteranlagen am fließenden Wasser an.
Wasser hat natürlich nicht nur diese positiven Eigenschaften, ist also nicht nur das Lebenspendende, der reinigende Neubeginn, das Heilende, Wohlstand bringende, göttliche Element, sondern kann Qual und Unheil über die Menschheit bringen – Sturmfluten, Tsunamis, Verunreinigungen – all das kennen wir von unserem Leben am großen Fluß hier und aus den Unheilsnachrichten der Welt, die sich in den letzten Jahren erschreckend häufen.


Wasser ist auch der vollkommenste Verkehrsweg für den Aufbruch zu neuen Ufern, für das Kennenlernen anderer Länder, Menschen und Naturen. Mit der Stader „Greundiek“ die ihre Touren bis nach Schweden macht, haben wir das beste Beispiel – mal von den Entdeckungsreisen aller Jahrtausende mal abgesehen. Es fördert dadurch die Vernetzung der Menschheit, das Wissen um Fremdes und dessen Toleranz – so sollte es im Idealfall sein, doch das Menschliche im Menschen ist meist auf Eroberung und Raubbau aus, wie die Geschichte gelehrt hat. 


Unsere Biologie macht die große Bedeutung des Wassers für unsere Existenz deutlich. Das Leben kam aus dem Wasser, der Embryo schwimmt im Fruchtwasser, bevor er überhaupt Luft atmen kann, 75 % unseres Körpers bestehen aus Wasser, die wir auch schon mal sichtbar werden lassen, als Schweiß und Tränen beispielsweise. Es durchspült unseren Körper und hält die Lebensfunktionen aufrecht, ohne Wasser zu trinken überleben wir nur für maximal 4 Tage.
Also ist das Wasser nicht nur außerhalb, sondern auch in uns, unserem Denken und Fühlen.


Die Journalistin Leonarda Castello sagt: „Wir sind getränkt von den Erfahrungen, die wir Menschen über alle Zeiten hinweg mit Wasser gemacht haben, und wofür Religion und Kunst Bilder finden. Sie zeigen, dass Wasser nicht ein Ding ist, auch nicht nur ein immerhin lebenswichtiger Rohstoff, sondern Wasser ist eine Welt. Wasser ist unsere Welt. Es gibt für uns keine Welt ohne Wasser. Was aber aus dem einstmals und auch heute durchaus immer noch reinen, duftenden, klaren Element Wasser wird, das ist uns in die Hände gegeben. Nicht nur, damit wir leben können, sondern auch, damit wir das Wasser leben lassen. Was aus dem Wasser wird, das liegt nicht im Wesen des Wassers begründet - das liegt an uns. Und was daraus einst geworden sein wird, das wird auch in uns sein.“
Und deshalb ist es großartig, daß die BBK-Bezirksgruppe Stade-Cuxhaven das Thema „Wasser“ aufgegriffen und ihre speziellen Gedanken in den vielfältigen Medien aus Zeichnung, Druck, Malerei, Skulptur, Fotografie und Video dem Kunstverein zum 30. Geburtstag präsentiert. Die Vielfalt in der Einheit haben wir auch hier. Das liegt nahe, weil das Schleusenhaus vom Schwinge- und Hafenwasser umgeben ist, ein Wasser, daß per se durch Ebbe und Flut dem „Panta Rhei“ besonders zugehört.
Und deshalb hat Minke Havemann aus Stade in dieser Arbeit links von mir, dem Schleusenhaus auch die Ehre erwiesen. Festhalten, was in einem Moment ist, das brauchen wir Menschen, um uns zu erinnern. Wer weiß, wie lange das Schleusenhaus noch Heimat für den Kunstverein sein kann. Weitere Arbeiten von Minke beziehen sich ganz bewußt auf unsere Flußlandschaft der Elbe, mit ihren Inseln, den Leuchttürmen, die von der Beherrschung der Fluten zeugen, dem schwankenden Ponton der Elbfähre im gleißenden Sonnenlicht, den Äpfeln aus dem Alten Land, Lob des Wassers, selbst wenn nur noch kostbare Tropfen im zerbrochenen Glas vorhanden sind. Stets ist der Wasserbegriff in der Kunst auch ein Symbol- und Metaphernträger, und in Minkes feinmalerischen, surrealen Räumen, die von Lichtfenstern überlagert werden, finden sich viele leise Denkanstöße im offensichtlich Gegenständlichen.
Auf der Phalanx des gedachten Flusses zwischen den Elb-Bildern schippert die Nußschale, auch der fröhlich geringelte Mast ist aus Holz – unverkennbar eine Arbeit von Holzbildhauerin Barbara Uebel, die mit Augenzwinkern, aber auch unaufhörlicher gedanklicher Beschäftigung mit dem Thema im Fluß ist: herausgekommen und hier in den verschiedenen Räumen zu besichtigen sind wassertragende Gedanken-Räume, die sich um die farbig gefaßten Skulpturen bilden: neben dem Boot „auf Wasser“ und den Tropfen „über Wasser“ und der Welle „wie Wasser“ fließen weitere „wie-Wasser“-Wellen, „Unter Wasser“ Gebilde und die Figur „am Wasser“ durch die gesamte Ausstellung. Wie ähnlich in seiner grafischen Struktur das feste Material Holz dem flüssigen Element in seiner Erscheinung für das Auge ist, wird von Barbara sensibel nachgespürt. Ihre Kunststücke erhalten dadurch doppelt erkennbares Leben.
Die Tropfen „über Wasser“ korrespondieren in ihrer physikalisch-chemischen Form mit dem Geschehen in Ute Seiferts Video, die den Tropfen in seinem flüssigen Aggregatzustand thematisiert, wie er, der Schwerkraft folgend, langsam seine typische Form bildet  und beim Aufprall zerspringt in kleinste Nano -Tröpfchen – welch Wunderwerk, der Wassertropfen, gasförmig als Dampf oder Nebel, als Wolke geht auch,  oder fest gefügt als Eis, wobei sich die Dichte verändert und chemisch die tollsten Kapriolen vollführt! Und immer, wenn man beim Rundgang hier die die Werke in der gelungenen Ausstellung betrachtet, ist man wieder fasziniert von diesem Stoff.
Wie auch in der 8-teiligen Papierarbeit von Marita Schliecker, die ihre luftflirrenden, durchsichtigen Wasserwelten über mehreren Papierschichten gestisch expressiv erfindet und weiß überhöht – Gischt ist immer! Die spielenden Wellen geben den Betrachtern so allerhand frei. Es tummelt sich vieles auf und im Wasser. Die lichten Farbigkeiten geben der Erinnerung unbeschwerter Lebenszeiten viel Raum. 
Betrachten wir das Wasser bei Marita von außen, gewissermaßen vom Strand aus, tauchen wir beim Betrachten von Imke Korth-Sanders Arbeit mitten in die Fluten hinein; es ist, als wären wir Wasserwesen, schwimmend in unterschiedlichen Tiefen, farbige Reflexionen und Brechungen von Sonnenlicht, Atmosphäre und Wasserlandschaft werden fleckhaft gestisch zu Mini-Farbfeldern verwoben: 36 wunderbare Arten, sich dem Wasser hinzugeben. 
Eine strenge Bodenarbeit hat Ulrike Brockmann installiert. Konstruktivistisch, dreidimensional baut sich ein Wellenkamm mit Tälern und Licht bedingten Farbschatten auf, unterschiedliche Spuren der Wasserkraft auf den vielfach lasierten und farbmodellierten Oberflächen lassen weitere Reflexe zu. Streng und schön und reduziert liegt sie da, die Welle, und wir können so auch ein bißchen Bauhaus feiern im Jubeljahr. Und da gibt es noch den weißen Bodenpodest, er scheint mir wie eine Bahre – trägt Ulrike unser kostbares lebendiges Wasser hier zu Grabe? Das Wasser des Lebens ist auch immer das Wasser des Todes.
Wir fließen weiter zu Ute Seiferts wandfüllenden Fotoprints.
Lange Jahre schon beschäftigt Ute sich künstlerisch mit dem Wasserthema und der Achtsamkeit, und auch diese beiden Arbeiten vom Strand im japanischen Miura saugen uns hinein in das Element, geradezu in den gesamten Kosmos mit Firmament und letztem Sonnenlicht am Abend. Die Situation der Aufnahmen ist authentisch, keine digitale Bearbeitung hat stattgefunden und wir sollen uns verlieren in dieser beinahe urweltlichen Stimmung, die nur akzentuiert wird durch einige winzige Fischernetzfahnen.
Achtsamkeit erfordert auch das Auffinden der nur ungefähr Teller-großen Wassermarken auf dänischen Straßen. Die kreisrunden Metall-Zeichen fand Ingeborg Steinhage, die als Malerin auch immer öfter professionell fotografiert,  symptomatisch für das verborgene technisch gelenkte und industrialisierte Wasser-Leben unter dänischen urbanen Oberflächen, es sind die bezeichneten Orte, unter denen sich Schaltstellen der Wasserversorgung befinden. Wir nehmen diese technische Errungenschaft eigentlich viel zu selbstverständlich hin. Aesthetisch ist zudem das Design, mit dem Wort „Vand“ darauf. 
Das gibt mir auch noch die Gelegenheit, die Herkunft des Wortes „Wasser“ zu erwähnen. Es leitet sich vom althochdeutschen „Wazzar“ ab, das übersetzt „das Feuchte, Fließende“ heißt, wie Wikipedia mir freundlicherweise mitteilt. Unsere indogermanische Völkerfamilie kennt auch „Wodr“ und „Wedor“, schon die ganz alten hethitischen Sprachen kannten das Wort, das Griechische „hydro“ gehört zur Familie ebenso wie die Arabische Wurzel „dr“. Die übereinstimmende Bedeutung des Wassers hat also auch über Distanzen in Raum und Zeit übereinstimmende Wortformen gefunden.  Ach ja, „Whiskey“ und „Wodka“ gehören übrigens auch dazu (Schnaps paßt dagegen irgendwie nicht…)
Ingeborg hat im letzten Raum drei weitere faszinierende Fotoarbeiten gehängt. Das kleine Format zeigt Wasser in seinem gasförmigen Aggregatszustand in Form von windzerzausten Wolkengebilden, die noch von der Sonne geküßt sind und sich schon verwandeln, bereit sind, zum ewigen Prozess vom Niederschlag zur Quelle aus dem Gestein über Bach, Fluß und See zurück ins Meer, und mit der Verdunstung erneute Rückkehr zur Wolke. Im rapiden Prozess entsteht die fotografische Weichzeichnung und wirkt geradezu malerisch.
Ein ungewöhnliches Medium bringt Birgit Jaenicke mit: sie zeichnet mit Bandrohrfeder und Tinte, durch die Drehung der Hand entstehen breite und schmale Linienpartien und bringen durch den entstehenden hell-dunkel-Effekt Körper und Raum zum Vorschein. Das ist eine schwierige Technik, und Birgit beherrscht sie mit ruhiger Hand: sie zeigt uns grafische, gegenstandsreduzierte Wellenformen, Vogel- und Schmetterlingspopulationen, die sich am Wasser begegnen. Und die lustige Ente aus dem Kinderbuchprojekt schnattert auch dazu.
Weiter fließt es zu Akkela Dienstbier, die in kleinen Serien arbeitet. Sie verfremdet malerisch das Foto eines weiblichen Aktes so, daß verschiedene Stimmungen eine Unterwassersituation entstehen, womöglich haben wir es mit einer Wassernixe zu tun. Die geheimnisvolle Undine räkelt sich auf dem Unterwasserbett… In der zweiten Serie erkennen wir das Wohlgefühl einer Körperdusche – hier ergibt sich noch einmal der Aspekt der Reinigung, im übertragen Sinn der Läuterung. Die Werke insgesamt umgibt eine beinahe feierliche, sensitive Aura.
Heide Duwe bringt mit ihrem selbst entwickelten experimentellen Hochdruckverfahren eine innovative, teilweise aleatorische Technik ein. Ihre Wasser-Werke heißen „Im Wasser versunken“ und rufen Spannung schon durch die unterschiedliche Reflexion der Oberflächen-Materialien hervor. Matt und Glanz, grob und fein verschlingen sich vielfältig im Linien- und Flächengeflecht bis weit in die Tiefe und lassen durch ihr Farbenspiel erahnen, daß auf dem Meeresgrund nicht nur harmlose Dinge und vielleicht auch Träume, Gedanken, Wünsche, verloren sind.
Raimund Adametz zeigt einen Beitrag seiner Webkunst. Mit feinen Woll- und Seidenfäden sind die Farben des Wassers vielfältig und schillernd eingebunden in eine breit gelagerte Wasserlandschaft, die in der Ferne von einem tiefen Hügel-Horizont begrenzt ist. Im Vordergrund tummeln sich stilisierte Fische, und wenn sie sich in der Mitte küssen, ist die Welt noch in Ordnung…
Doch die Idylle trügt. Die Farben des Wassers beinhalten in Raimunds Version das Geschick der Menschheit, so wie die altnordischen Nornen schon am Webstuhl saßen und das Schicksal der Menschheit in die Welt woben, die Freuden und den Genuß aber auch die Leiden durch Naturkatastrophen, durch Umweltkatastrophen, durch Unglücksfälle. 
Wir, und das zeigt diese gelungene Ausstellung der BBK-Mitglieder, können mit den Mitteln der Kunst Bewußtsein erwecken und Aufmerksamkeit fordern für die Wahrung unserer Schöpfung. Und wir können viele wundervolle Welten zeigen, für die es sich zu leben lohnt.






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