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Bericht vom 05.04.2011

Das Grosse Werk

Stadtkantorei Stade singt die Johannespassion von Johann Sebastian Bach

Jutta de Vries



Das Grosse Werk 
Stadtkantorei Stade singt die Johannespassion  von Johann Sebastian Bach
Sonntag, 3. April 2011
©Jutta de Vries


Passionszeit, Oratorienzeit – Zeit zum Innehalten, zur inneren Einkehr und zum Blick nach draußen auf die brennenden Welten. Nicht enden wollender Wille zur Hoffnung auf Frieden und Erlösung vom Bösen seit 2000 Jahren, der gestützt und befestigt wird auch immer wieder durch geistliche Musik, wie diese unglaublich dramatische Passionsgeschichte nach dem Johannesevangelium von Johann Sebastian Bach. 


Das Werk galt zu seiner Zeit als ultramodern, Bach hatte es als Antrittskomposition für die Leipziger Thomaskantor-Stelle verfasst. Seit damals lässt die Komposition niemanden kalt, und das hängt auch mit der textlichen Dramaturgie zusammen, die vom Freizeitdichter Barthold Heinrich Brockes verfasst war, der hauptberuflich als Amtmann im Hamburgischen Ritzebüttel residierte. Das barocke Welttheater wird mit allen musikalischen Mitteln in Szene gesetzt, die Christengemeinde, Jahrhunderte vom Passionsgeschehen in Jerusalem entfernt, soll mit diesen Mitteln aufgerüttelt und mitten ins Geschehen hineingezogen werden – und dieses Wunder gelingt immer wieder, zu Bachs Zeiten und auch heute noch, wenn so dicht und eindringlich musiziert wird wie durch  KMD Hauke Ramm mit der Stadtkantorei Stade am Sonntag in der gut besuchten Stadtkirche St. Wilhadi. 


Hauke Ramm hat ein weites musikalisches Netzwerk, mit dem eine angenehme Kontinuität in die Stader Kirchenmusik gebracht wird, die Gäste werden begrüßt wie Ensemblemitglieder.


Die junge Magdalene Harer gab diesmal mit einem feinen, farbigen Sopran ihr noch etwas zögerliches Debüt in Stade neben den beliebten Solisten Yvi Jänicke mit strahlendem Alt und unverwechselbar eindringlicher Gestaltung, Matthias Horn als dem nobel und wohlklingenden Arienbass und Gotthold Schwarz, dem diesmal die Partie der Christusworte zukam. Sein in letzter Zeit heller werdendes Timbre und eine hochsensible Gestaltung gaben den Worten Jesu eine anrührende  innerliche Autorität und bereits ein fragloses „noli-me-tangere“-Profil. Henning Kaiser füllte die große Evangelistenpartie lebendig und mit erzählerischer Dramatik, so hätte es dem Brockes wohl gefallen und dem Bach erst recht. Dabei passierte häufig, dass Kaiser seinen leichten Tenor im Dienst der Interpretation stimmlich überforderte. Das schadete nicht den Rezitativen, aber den Arien,  vielleicht auch der schönen schlanken Stimme, die gut gepflegt werden sollte. 


Traditionsgemäß und zuverlässig begleitet die großen Stader Choraufführungen das Barockorchester Hamburg,  und Martin Böcker sorgt am Orgelpositiv für das heimliche und ungemein wichtige Gesamtgerüst.


Die zu einem großen Oratorienchor angewachsene Stadtkantorei fühlt sich im Werk bereits zu Hause und hat sich frei gesungen – sie wurde dem Chor betonten Werk mit souveräner Technik und ausgewogener  Balance aller, auch der gut geführten Männerstimmen gerecht, zumal die böse Zitterstelle des „Wohin“ in einer letztlich öfter zu hörenden, schlüssigen Version für das Solistenquintett erklang. 


Darüber hinaus feierte der Chor den großen Klang, volltönig und in der Lust am Forte, in den Chorälen wie in den Volksszenen. Dort gab es an vielen Turbae-Stellen kaum noch Steigerungsmöglichkeiten. Auch nirgends Pianissimo im Chor.  Aber: die vom ersten Ton an aufbrandende Stringenz und aufgerüttelte Zielführung fand wie in einem großen Bogen den ersten und einzigen Ruhe- und Endpunkt in der Sopranarie „Zerfließe, mein Herze“. Magdalene Harer hat dieser Katharsis des Werks Profil gegeben, eine schwere Aufgabe, mit der Hauke Ramms Gestaltungsansatz steht und fällt. Erschütternd geradezu wirkte das lastende Adagio und die plötzliche Stille nach all der drängend vorgetragenen Hektik des Evangeliumsberichts. Hier  war das Theatrum Mundi auf seinem Höhepunkt angekommen.


Hauke Ramm hat mit dieser interessanten Interpretation, die sich vom gängigen historisierenden Klangbild durchaus entfernt,  eine ganz neue Sichtweise auf das Werk vorgenommen. Den wohligen, kontemplativen Blickwinkel des späten Betrachters reißt er auf, geht mitten hinein in die heutige schnelle, laute Welt mit ihren Verleumdungen, der Gleichgültigkeit, den Katastrophen. Golgatha ist überall.
Beeindruckend aktuell, überzeugend.






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