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Bericht vom 18.11.2008

Kunst con allegria

Jahresausstellung in der Malakademie Minke Havemann in Hagenah vom 28.9. - 2.11.2008

© Jutta de Vries







Liebe Minke Havemann, liebe Akademie-Teilnehmer und –Teilnehmerinnen, sehr geehrte Herren und Damen!


Con allegria, mit Vergnügen, bin ich an diesem schönen Herbsttag nach Hagenah gekommen, um mich mit Ihnen allen über die Jahresausstellung der Malakademie zu freuen.
Eine große Vielfalt an Farben, Techniken, Bildformaten, Inhalten und Ausdrucksformen will von uns entdeckt, betrachtet, erforscht und diskutiert werden – Im Atelier hier und im Haupthaus hängen zusammen mehr als 130 Arbeiten, aus 4 Erwachsenen-Kursen sind 28 Künstler und Künstlerinnen beteiligt, die Künstlerin und Atelierleiterin Minke Havemann präsentiert 30 neue Werke, erstmals ist auch mit Minke Havemanns Schwester Uta Regoli eine Gastkünstlerin dabei. Sie zeigt eine Gruppe von 16 Scherenschnitten der besonderen Art. 


Das ist wie ich finde eine sehr gute Idee -  sozusagen ein kleiner Kontrapunkt von aussen, der einen Exkurs bietet in die Technik des Scherenschnitts, eine alte Technik, von den Chinesen hoch geschätzt, als Schattenriss im Biedermeier beliebt – man denke an die Arbeiten von Philipp Otto Runge, die dieser als krankes Kind zur Ablenkung bereits in künstlerischer Perfektion anfertigte – und im 20. Jahrhundert nahmen sich die Dadas und PopArt-Künstler des Mediums an, Matisse nicht zu vergessen. Und der Trickfilm, der Cartoon kam dazu. 


Und hier die Arbeiten von Uta Regoli: an verschiedenen Stellen in der strengen Hängung der stets gleichen Formate Gedichte, die zu den Situationen passen – Uta Regoli ist auch eine begnadete Lyrikerin. Aus jedem der kleinen Bilder aus farblich attraktiven und interessanten Papieren mit ihren streng geschnittenen Umrissen ohne Schnörkel und Binnenzeichnung spricht eine ganze Welt, der winzige Teil eines erlebbaren Universums. Die strenge äußere Kühle verbirgt mit satirischem Spott in der zweiten Ebene eine  ureigene persönliche, existentielle Geschichte: was tun, wenn die Halteleine zum Griff nach den Sternen sich vertüddelt, wenn die Daphne-Metamorphose im Ehebett um sich greift, was muß geschehen sein, dass ich im Grab rotiere???? Aus jeder der bitter ernsten, köstlichen und kostbaren Miniaturen ließe sich ein ganzer Roman spinnen – Sie sind herzlich aufgefordert. 


Dem Gast gebührt natürlich der Vortritt, nun aber geht es um Sie, liebe Akademieteilnehmer/innen. Diesmal sind dabei: (Siehe Liste!)


Ein ganzes Jahr lang haben Sie wieder hart auf ein Ziel, nämlich die Jahresausstellung, hingearbeitet.– 2007 wurde ja der Heimat-Begriff von Ihnen in vielfältiger Weise künstlerisch umgesetzt. Diesmal gibt es kein übergeordnetes Thema, sondern es waren  gleich vier verschiedene Gattungen zu erarbeiten: Landschaft/Wasser, Stillleben, Portrait und das gegenstandsfreie Format. Und ich finde, Sie haben diese anspruchsvollen Themenbereiche jede und jeder für sich erfasst und mit guten Bild-Ideen, schöner und mutiger Farbigkeit und sauberer Technik umgesetzt in Ihre jeweils individuelle Bildsprache, und das ist ein großes Lob wert. Sie dürfen stolz auf Ihre Arbeit sein.


Sie dürfen auch stolz darauf und froh darüber sein, dass Sie sich zu irgend einem Zeitpunkt einmal entschieden haben, an einem Malkurs hier teilzunehmen. Das mag schon lange zurückliegen, wie bei einigen von Ihnen, aber auch bei einigen ganz frisch sein – wer sich künstlerisch ausdrücken möchte und sich damit aus dem eigenen stillen Kämmerlein heraus in die Öffentlichkeit einer Malakademie wagt, stellt sich und sein Innerstes, das ja bei der künstlerischen Tätigkeit ungewollt an die Oberfläche dringt, zur Diskussion, er/sie outet sich gewissermaßen - erst in der Gruppe, dann auch in einer öffentlichen Präsentation wie dieser hier. Dazu gehört Mut, und ich beglückwünsche Sie dazu. Aber das ist auch die Art von Hemmschwelle, die einige Menschen zögern läßt. Wer aber immer schon malen wollte und irgendwann nicht mehr anders kann, hat diese Bedenken bald vergessen und erfährt  ein großes Glück und eine tiefe Befriedigung in der eigenen Schaffenskraft, mögen die Anfangsschritte noch so klein sein und das geistige Wollen und das technische Können zunächst noch so sehr auseinanderklaffen und im Clinch miteinander liegen. 


Jeder Fortschritt gibt ein Gefühl von Schöpferkraft - und das großartige ist, Kunst kann auch kranken und verzweifelten Menschen eine wunderbare Therapie sein. So verstehe ich auch den immer wieder bemühten Ausspruch von Joseph Beuys „Jeder Mensch ist ein Künstler“ in einem zielgerichteten Findungssinn, der fragt, was ist eigentlich gut für mich, was möchte ich tun, vielleicht um Schicksalsschläge zu vergessen (er selbst arbeitete ja mit der Kunst seinen schweren Flugzeugabsturz im 2. Weltkrieg auf), um glücklich oder wieder glücklich zu sein?
Auch das ist hier in der Malakademie möglich und darüber freuen wir uns sehr.




Aber vor das Glück haben die Götter den Schweiß gesetzt -
Nur Sie und Minke Havemann als Ihre pädagogisch einfallsreiche und sensible Kursleiterin - die alle Katastrophen zu retten imstande ist - wissen, wie anstrengend und mühsam so ein Prozess der Annäherung an ein bildnerisches Phänomen sein kann. Von der Bildfindung über die formalen und technischen Versuche gehen vielfältige Vorbesprechungen, eigene Entscheidungen, Findungsphasen, Zerstörungswut, Verzweiflungstaten, Abkratzen, Zerschneiden, Auftragen, Verändern, Übermalen, erneute Diskussionen, Ratsuche, Hinweise, gemeinsame Überlegungen in der Gruppe  und viel Zeit ins Land, bis schließlich der letzte Pinselstrich getan ist und damit der „Abnabelungsprozess“ wie es Neo Rauch einmal genannt hat, vollendet ist.
Nur so ist es auch möglich, derart gute Ergebnisse zu erzielen: beim Thema der Wasserlandschaft so sprühende Gischt und so farbiges Wasser, so weite Himmel über dem Sand, so glutvolle Sonnenuntergänge, Spiegelungen, Lichtreflexe und stille Auenlandschaften, so flirrende Luft, Wasser von oben und in transparenter Tiefe. Techniken und Stile vom Altmeisterlichen bis zur Oste-Romantik, von Collage bis Mischtechnik mit Öl, Acryl, Eitempera und Farbstift sowie Fotografie sind zu entdecken und dazu manch witziges inhaltliches Detail. 


Mit der Gattung Stillleben befassten sich alle Epochen, die Hochblütezeit liegt aber ganz klar im niederländischen 17. Jahrhundert. Dort waren in der ersten Demokratie der Neuzeit die Kaufleute durch Seehandel zu Wohlstand gelangt und wollten dies in ihren Wohnstuben auch  zeigen. Daher findet man kaum Riesen-Schloßschinken in jener Zeit, sondern eher handliche Bürgerhausformate. 
Anders als die opulenten, mit kostbaren Geräten bestückten Werke jener Zeit sind in Ihrem Kurs Arbeiten der eher sparsamen „norddeutschen“ Variante entstanden: aus einem realen Arrangement, der Anordnung unterschiedlicher, schlicht aufstrebender Glasgefäße und einer Handvoll Hagenaher Äpfel als formaler Kontrast an der Basis, sind die vielfältigsten Werke entstanden, in toto und auch Ausschnitte, die ich besonders reizvoll finde(Haupthaus). Glanz als Lichtreflex, Dynamik und Tiefe im monochromen Hintergrund – hier sind Materialtricks im Spiel – ich kann nur vorschlagen, fragen sie die Künstler nachher!


Über Stillleben und seine Varianten mit Blumen, die auch in der Ausstellung vertreten sind, könnte ich stundenlang reden, aber die Portraits fordern hier ihr gutes Recht. Diese schwierigste aller Gattungen – mit der Abbildung eines Kopfes ist es ja nicht getan, sondern es soll der Charakter, die Wesenheit des Portaitierten im Bild aufscheinen und für den Betrachtenden erkennbar werden. Gern erinnere ich unsere Ausstellungs-Begegnung mit den Portraits von Paula Modersohn Becker, die von Ihnen ernsthaft erarbeitet wurden. So konnten Sie mit den Mitteln der Deformierung, der unterschiedlichen Behandlung der Bildoberfläche, mit dem Pinselduktus und mit der Anordnung des Portraits in der Bildfläche experimentieren und erstaunliche Bildlösungen finden und, ganz wichtig, mit der Farbe spielen.. 


Die vierte Gruppe hat sich mit der abstrahierenden Form auseinandergesetzt und in diesem Bereich mit dem Format „Quadrat“ frei gespielt. Es wird die rotierende Quadratur des Kreises zum x-ten Mal seit Leonardo versucht, natürlich mit immer wieder selbstverständlicher Berechtigung, die Bewegung einer vertikalen Fläche dramaturgisch in Szene gesetzt, mit Material reliefartige Setzungen vorgenommen, die Rothko-Ausstellung findet ihren Niederschlag in eigenständiger Aussage; das Gestische hat seinen Platz und die malerisch überarbeitete, digital gesteuerte Fotomontage.


Was wären aber alle die schönen, sorgfältig gerahmten und mit Liebe gehängten Akademie-Arbeiten ohne die Werke der Künstlerin Minke Havemann, die sie ja neben ihrer pädagogischen Tätigkeit vor allem ist? Ihre Arbeiten sind, das wissen wir, seit langem weltweit bekannt und beachtet, aus dem Hagenaher Refugium heraus agiert die Künstlerin auf eine eher stille Weise in die internationale Szene hinein.
Als Kontrapunkt zeigt sie zu allen vier Themenbereichen neue, parallel zum Kursgeschehen entstandene Bilder und Sequenzen. Alle befinden sich im Haupthaus, zum Teil in schönster Eintracht mit Kursarbeiten – es gibt hier keine Berührungsängste. 
Wasser wird ungewöhnlich altväterlich oder –mütterlich als Sommer-Impression in süddeutscher Alpenlandschaft gegeben und ungewöhnlich brisant  im Blickwinkel der Untersicht des niederländischen Straßenverkehrs oder, wie das Beispiel auf der Einladungskarte  in der altchristlichen Form des Triptychons, die in den Arbeiten Minke Havemanns gern wiederkehrt und den Wert des Bildinhalts zum Geheiliten steigert, analog zu christlichen Formaten; als Stilleben werden drei herrlich satte Darstellungen des Kursaufbaus gezeigt und eine zartfarbige luftgespiegelte Version in der Verortung im Fensterrahmen, der schon auf die geometrischen Formen des „Format“-Themas hinweist. Als ausladende Darstellungen an der zentralen Wand im Haupthaus verbinden sich die beiden Themen ganz ausdrücklich im Blumenstück, Beispiele dafür, wie das Freie mit dem Formalen sich vielfältig kontrastierend in einen spannungsreichen Dialog begibt, wie Bildfindung und Komposition immer neue Sichtweisen ermöglichen. 
Einzelne Beispiele einer großen Werkreihe von Portraits runden die Schau ab: neben dem Portrait von Paul in den weichen graustufigen Übergängen fotografischer und verfremdeter Vorlage blicken Kursteilnehmer/innen auf uns herab, jedem die signifikante Hintergrundfarbe zugeordnet. Durch den Anschnitt der Figur sind sie uns so nah, als wären wir mit im Bild und  gleich zu einer Unterhaltung bereit. Die Charakterisierung erfolgt bei diesen Arbeiten der Künstlerin über die Farbe und die so unverwechselbare Handschrift, die wie ich denke, alle hier Anwesenden sofort als „echte Minke Havemann“ erkennen würden. In der Tat bewundern wir ja immer wieder die perfekte Lasur-Technik, den virtuosen Umgang mit dem komplizierten Malmaterial aus Pigmenten und Eitempera, die stilistische und formale Sicherheit, die singuläre Umsetzung einer Thematik in die künstlerische Aussage.
Von dieser Lehrerin können die Kursteilnehmer schon beim Betrachten profitieren, wie überhaupt die kognitive Bereitschaft des Sehens der erste Schritt zum Kunstwerk ist, für die aktiven wie die passiven Kunst-Liebhaber/innen.


Aufmerksam und achtsam werden beim Betrachten von Kunstwerken und dadurch Kunst  als Phänomen an sich erkennen, ihre geheimen Aufbau-Gerüste erspüren, Techniken im Bild wieder finden, Farbe genießen und Spaß daran haben, in ein Bild ganz einzutauchen – das ist die Quintessenz für ein wunderbares Erleben mit und in der Kunst, wie wir es hier in der Malakademie Hagenah als Ergebnis der Jahresausstellung alle immer wieder erfahren dürfen. 
Die Zauberformel ist denn auch: Verstehen – Erleben – Machen – Genießen.
Dann bleiben wir bestimmt alle, als Kunsteleven und als Betrachter, immer im Bild!


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