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Bericht vom 13.11.2006

Felix Mendelssohn Bartholdy: ELIAS sprengt in Stade alle Grenzen

Stadtkantorei Stade in St. Wilhadi

Jutta de Vries



 

Das Alte Testament spricht nicht nur vom jüdischen Glauben, sondern es ist auch ein Geschichtsbuch voller Geschichten, das von Menschen mit Träumen, Sehnsüchten, von Wundern, von Glaube, Liebe, Schwachheit, Wut und Gewalt handelt, wie das wahre Leben schon immer gespielt hat. Und die Episode des Propheten Elias, der zur Zeit des Königs Ahab lebte, ist ein besonders spannender Stoff für ein Oratorium, in dem viel Handlung auf solistisch-dialogischer geistiger Ebene mit reichhaltigen Chorpartien gewürzt wird.

 

Georg Friedrich Händel hatte die Gattung in seiner englischen Wahlheimat zu barocker Größe geführt, und als Felix Mendelssohn Bartholdy 1846 eine Einladung nach Birmingham erhält, schreibt er mit ELIAS die Oratoriengeschichte für die Romantik fort. Und es gelingt ihm ein Wurf ohnegleichen. Die süßesten Melodien, die glutvollste Dramatik begleiten das Geschehen der biblischen Texte aus dem Buch der Könige und lassen die wirren Zeiten in ausgedehnten zwei Teilen klingend aufleben. Nach der Himmelfahrt des Elias im Feuerwagen, die auch kanonisch als Parallele zu Christi Himmelfahrt ihren festen Platz in der christlichen Ikonografie hat, gibt Mendelssohn, der Christ jüdischer Abstammung, auf Anraten seines Texters Pfarrer Schubring quasi im Anhang einen grandiosen Ausblick auf den kommenden Messias.

 

Dass die „himmlischen Längen“ von fast drei Stunden Dauer nur wie Sekunden einer geahnten Ewigkeit wirken können, erlebte Stade jetzt am Sonntag in der voll besetzten St.Wilhadi-Kirche, ein Ereignis, dass alle hoch gesteckten Erwartungen noch übertraf. Da hat aber alles gestimmt: der Stader KMD Hauke Ramm, auf der Höhe seines Könnens, führt die Stadtkantorei souverän durch die schwierige, vielstimmige Partitur. Das vielfarbige, gut durchhörbare Klangbild hat das nötige romantische Volumen, weil auch die Männerstimmen völlig über sich hinaus gewachsen sind, obwohl sie, wie fast überall, begehrte Mangelware sind. Junge Stimmen sind zwar schon dazu gekommen, und in so einem Chor mitzusingen könnte zum Kult werden!

Was hier an Ausdruck durch sorgfältige agogische und artikulatorische Feinarbeit überkommt, ist vergleichsfähig.

 

Und es geht ja richtig zur Sache, nicht nur das sanfte Säuseln ist Programm in Mendelssohns Oratorium, sondern dramatischer Fugensturm und feurige Affettuosi sowie todbringend fanatische Turboszenen. Sogwirkung bricht sich da unweigerlich Bahn, die fast durchgängige Spannung bleibt bis zur letzten Sekunde. Da hinein findet sich auch nach anfänglichen kleinen Unsauberkeiten die stets wechselnd besetzte und hier mit sehr jungen Musikern vertretene Kammersinfonie Bremen. Die Kammerbesetzung ist viel schöner als das übliche dicke Sinfonieorchester, die Wucht der Partitur lässt sich filigraner an, deckt den Chor nicht zu und gibt den Solisten eine intime Unterstützung, da wird auch das homogene und junge Stader Solistenteam sorgfältig getragen. Martin Berner ist Elias; er kommt mit seiner durchaus zum Metallischen fähigen, weit dimensionierten Bassstimme und der aus dem Persönlichen zurückgenommenen Interpretation der Verkörperung Mendelssohnscher Vorstellung nahe: “Ich hatte mir beim Elias einen rechten durch und durch Propheten gedacht, wie wir ihn etwa heut zu Tage wieder brauchen könnten, stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster, im Gegensatz zum Hof- und Volksgesindel, und fast zur ganzen Welt im Gegensatz, und doch getragen wie von Engelsflügeln“.

Stimmlich gleich stark in den individuellen Rollen der Oratorienhandlung zeigen sich der strahlkräftige Tenor Daniel Sans, dem der schönen Linie wegen die sprachlichen Manierismen gern verziehen werden; dazu die makellose und in Stade über alles geliebte Cornelia Samuelis; die liebliche Stader Sopranistin Annegret Kleindopf; die wunderbar charaktervolle, jeden Ton gestaltende Mezzosopranistin Ivy Jänicke und Wiebke Lehmkuhl, deren fundamentaler Alt das Quartett vor dem Schlußchor in einer kleinen Partie bereichert.

Alle scheinen an diesem Abend „getragen wie von Engelsflügeln“, auch die Hörergemeinde trägt das Erlebnis von Erschütterung und Gänsehaut einer emphatischen Nachschöpfung auf Engelsflügeln mit hinaus in die Regennacht.

 

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