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Bericht vom 02.08.2016

Hitzacker Musiktage-Buch

Montag, 1. August 2016

Jutta de Vries

Hitzacker Musiktage-Buch 1. August 2016 
 
Aribert  Reimann: "Für das Publikum schreibe ich nie"
 
Der heutige Montag – strahlend sonnig bis zum Nachmittag – schlägt noch einmal eine Brücke zum Sonntagskonzert: in der Hörerakademie ist Aribert Reimann zu Gast und trifft den NDR-Moderator und Musikwissenschaftler Ludwig Hartmann zum intensiven Gespräch. Und nicht nur das, es gibt auch Live-Hörbeispiele! Katharina Groß (Klavier) und Latica Anic (Violoncello), Mitglieder der Festival-Akademie, bringen zu vollster Zufriedenheit und Freude des Komponisten Solostücke zu Gehör, die für Reimanns Kompositionsweise signifikant sind. Und weit über die Sendezeit der Hörerakademie hinaus, die für das Format „Welt der Musik“ aufgezeichnet wird, beschäftigt sich die Hörerschar mit der CD-Aufnahme des  „Sternen-Trio“ für Sopran, Klarinette und Klavier. Hartmanns kluge Fragen, Reimanns eloquente, zugewandte Antworten und Erklärungen geben dem Publikum das Gefühl, viel mehr von der Musik des „einsamen Wolfs“ zu verstehen, die in der heutigen Musikszene ein klares Alleinstellungsmerkmal hat. Eine gebührende Ehrung für den Jubilar Aribert Reimann und endlich mal wieder eine Hörerakademie mit Substanz.


Das neue Profil „sieben nach sieben“ unmittelbar vor den Abendkonzerten bringt die „Jungen Reporter“ auf den Plan. Auch sie gehören zu einem neuen Profil des Festivals, das Oliver Wille entschieden demokratisieren will. Es ist eine super Idee der Journalistin Julia Kaiser, Kinder und Jugendliche an die Musikreportage heran zu führen. Und wenn man in den  „Redaktionsraum“ im Verdo hinein kibitzt, dann sieht man mit Vergnügen, wie die vier jungen  Hitzacker-Festival-Reporter sich die Köpfe heiß reden, überlegen, in die Rechner tippen. Heute interviewen sie den Star Pianisten des Abends, Igor Levit, der selbst noch unter 30 ist, eine steile Wunderkind-Karriere hingelegt hat und sich im Augenblick auf der Höhe seines Ruhms befindet. Lässig beantwortet er die Fragen der Kids, die zugegeben nervös sind, so auf öffentlicher Bühne, und man hat das Gefühl, er nimmt sie nicht ganz ernst. Schade, sie hätten es verdient, mit ihren ernsthaft vorbereiteten Fragen auch respektiert zu werden. Im Gespräch mit anderen Künstlern und den Festival-Akademisten haben die JungenReporter mehr Glück, nachzulesen auf der Website www.jungereporter.eu.


Dann der große Duo-Abend mit Igor Levit und seinem Partner im Leben und am Violoncello Isang Enders. Beide gestalten wesentlich den „Heidelberger Frühling“ mit, und so ist der Abend ein weiterer Treffpunkt im Festival-Punktebild des Oliver Wille: Festival trifft Festival. Und damit ist wirklich ein weiterer Höhepunkt gewonnen.


Ein Klasse-Programm bieten die beiden, Schumann und Beethoven, so recht nach dem Bauch-Gefühl vieler Kammermusik-Freaks, die sich bei sehr viel aktueller Musik auch mal nach der Klassik sehnen. Aber Levit wäre nicht Levit, wenn nicht auch hier ein Rzewski dabei wäre, jener US-amerikanische Komponist, mit dem Levit eine enge Freundschaft verbindet. Auch im Stück des Abends, „It makes a long time man feel bad“ spielt, wie in vielen seiner Werke, Rzewski programmatisch auf die Rassenprobleme an, hier im Strafgefangenenlager. Das technisch immens schwere und uferlose Stück – sicher reizt den nahezu grenzenlosen Tastenakrobaten Levit diese Tatsache besonders – basiert auf einer Spiritual-Melodie, die stets variiert wird, versetzt mit Schlägen auf den Klavierkorpus, Fußtritten und Kettenrasseln. Musikalisch ist das Werk frei tonal und arbeitet mit vielen artikulatorischen Möglichkeiten von der Stille bis zum Cluster, aber das Schöne am Programmatischen ist ja, daß ein Publikum auch beim Ersthören dem ganzen irgendwie folgen kann.
 
Aber zurücklehnen bei Beethovens später A-Dur-Sonate op.101 gibt es auch mitnichten – mit selbstbewußter, entschlossener Energie und hochdramatischen dynamischen Kontrasten saugt Levit seine Zuhörer unerbittlich ein. Welch eine Anschlagskultur! Das wird natürlich im langsamen, sehnsuchtsvollen Adagio besonders offensichtlich. Begeisterung macht sich breit.


Bei Schumanns „Fünf Stücken im Volkston“ zeigt sich die absolute Übereinstimmung der beiden Duo-Partner. Wie aus einem Guß erklingen die Miniaturen, für die Schumann bei Zeitgenossen so beliebt war und die auch die heutige Hausmusik beleben. Die beiden beinahe gleich jungen Musiker machen strahlende Edelsteine daraus.


Und wenn die Cello-Sonate op 69 von  Beethoven mit ihrem sehr stark betonten Klavierpart auch noch etwas an die vorklassische Kompositionsweise erinnert, ist es hier durchaus das Cello von Isang Enders, das im Vordergrund erblüht, die Führung mit saftigen Forte-Turbaturen und kontrastierenden sanglichen Kantilenen bis zu luzidesten Klängen im Adagio übernimmt. Welch eine A-Seite! Welch leicht geführter Bogen! Und ohne viel Vibrato ist alles an möglichen Klangfarben in die zwingenden Passagen getupft. Beethoven at his best. Viel Beifall des beglückten Publikums an ein glückliches Klasse-Duo.




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