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Bericht vom 01.08.2016

Hitzacker Musiktage-Buch

Sonntag, 31. Juli 2016

Jutta de Vries





Musiktage-Buch Hitzacker 2016
Montag, 31. Juli


Heute haben wir ein Date, ein Date mit Franz Schubert.
Und mit Michael Stegemann, Musikwissenschaftler, Moderator, Schubert-Experte.
Am frühen Morgen um 10 Uhr, Wolken ballen sich bereits, auf Hitzackers höchster Höhe, dem Weinberg, mit Blick in die steil abfallende Tiefe der Elbtalaue, spricht er eloquent und frei über Schuberts Höhen und Tiefen, bietet manchem sicher viel Neues und Einblick in die Verhältnisse der Zeit und der Persönlichkeit des Künstlers.


So optimal eingestimmt geht es ans Eintauchen in eins der großen Werke der Musikgeschichte: im Verdo spielt das Kuss-Quartett mit dem Solisten des Vorabends, Miclós Pérenyi am 2. Cello, das einzigartige Streichquintett C-Dur  D 956 aus Schuberts Todesjahr 1828. Dieses Werk scheint wie eine Lebensbilanz; immer wieder tauchen Zitate aus früheren Werken auf, die Beschäftigung mit dem nahen Ende scheint deutlich, vor allem in den vielen dissonanten Partien, die gerade im Scherzo auftreten und vom Ensemble mit äußerter Schärfe und Prägnanz hervorgehoben werden. Aber das Kuss-Quartett, in dem Olver Wille als Gründungsmitglied schon mehr als 25 Jahre zu Hause ist, wird mit Primgeigerin Jana Kuss, William Coleman, Viola, Mikayel Hakhnazaryan, Violoncello  und dem Gast Miclós Perényj,  allen Ebenen des epischen Zeitgeschehens in diesem sinfonischen Werk gerecht, lotet alle Möglichkeiten der Gestaltung und Artikulation aufs Äußerste aus, formuliert jeden Ton gebührend und intensiv und folgt damit dem verehrten Vorbild und Lehrer György Kurtág. Für mich ist es eine beispielhafte, dicht gewobene, vollkommene Stunde Sternenmusik.
Am Ende  möchte man stillsein – aber immer gibt es einen, der in die letzten verwehenden Klänge hineinklatscht.


Wenn der Wettergott mitgespielt hätte, wäre das Spiel in und mit der Natur, das sich im Hitzacker-Sommer förmlich aufbietet, so schön gelungen, wie Oliver Wille sich’s geträumt hatte. So aber kommt der Schubertiade am Nachmittag der Kurgarten abhanden. Auf der Verdo-Bühne tröstet man sich dann damit, daß auch Schuberts berühmte musikalische offene Gesellschaften drinnen stattfanden. Oliver Wille hatte sich ein Mitmach-Programm ausgedacht, jeder konnte seine Schubertnoten einreichen und sich dann der Öffentlichkeit präsentieren. Doch klasse, wie viele Nicht-Profis den Mut dazu aufgebracht hatten! Das war unterhaltsam und auch erstaunlich, und  manchmal ein Lehrstück an Toleranz. Der Musikwissenschaftler Michael Stegemann, der klug, routiniert und lebendig durchs Programm führte, war da Beispiel gebend: „ ...eine Cellistin, die Cello spielt, eine Pianistin, die Klavier spielt, eine Sängerin, die singt – und das sollen sie auch tun“.


Nicht nur hier, im Mitmach-Konzert, sondern auch im Abendprogramm findet Oliver Willes Idee der Demokratisierung des Festivals – eigentlich sind Musiktage ja eine überaus  hierarchische Angelegenheit - ihren Niederschlag, wenn er in Schuberts Faust-Szene die Choreinwürfe des „Dies Irae“ vom Publikum singen läßt – Noten gab es vorher, Jan Philipp Schulze unterstützt vom Klavier aus und es ist gar nicht so schlecht – ausserdem hat es Spaß gemacht. 


Nicht ohne Grund ist der Abend dem Liedgesang gewidmet, ein weiterer Treffpunkt findet statt: Schubert trifft Aribert Reimann, der zum diesjährigen 80jährigen Geburtstag eine besondere Ehrung in Hitzacker erfährt. Seine Affinität zum Lied und damit zu Schubert wird in wechselseitigen Blöcken dokumentiert, gesungen von den beiden zauberhaften Sopranistinnen Sarah Aristidou und Anna-Doris Capitelli, dazu gesellt sich der dramatische Gestalter, Bariton Dietrich Henschel. Am Klavier begleitet werden die drei in wechselnden Formationen vom vielseitigen Jan Philipp Schulze, Schubert-affin, kongenial, sensibel zuhörend und dennoch zupackend, und mit der manchmal akrobatischen Technik bei Reimann locker vertraut. Die schönen, gut geführten Stimmen der jungen Sängerinnen lassen für die Zukunft einiges hoffen, vor allem hat Sarah Aristidou mit ihrer Einfühlung in die neue Musik schon ein Profil gefunden.
Einen beinahe-spontanen, heiteren Beschluß findet der Abend mit einem dreistimmigen  Schubert-Ständchen zur Ehrung von Aribert Reimann, der dem Konzert beiwohnt und  auf der Bühne mit den Künstlern zusammen den tosenden, lang anhaltenden Beifall der Festival-Gemeinde entgegen nimmt.


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