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Bericht vom 31.07.2016

Sommerliche Musiktage Hitzacker 2015

Musiktage-Buch 26. Juli

Jutta de Vries

Sommerliche Musiktage Hitzacker 2015 
Musiktage-Buch 26. Juli


Was für ein prall gefüllter Fest-Sonntag!
Experten, Genießer, Skeptiker, wie die Vorsitzende des Trägervereins, Linda Anne Engelhardt, die Musiktage-Fangemeinde bei ihrer Begrüßung am Samstag beschrieben hatte, kamen voll auf ihre Kosten, und dazu noch die Freunde der geschliffenen Rede: 


Das erste Highlight am Vormittag, die Verleihung des Belmont-Preises 2015.
Gabriele Forberg-Schneider, die Vorsitzende der Vorberg-Schneider-Stiftung, ließ es sich nicht nehmen, die Laudatio auf die zeitgenössische Musik im allgemeinen und auf die  preisgekrönte serbische Komponistin Milica Djordjevic zu halten. Zum dritten Mal innerhalb der letzten 10 Jahre findet die Verleihung des Belmont-Preises im Rahmen der „Sommerlichen statt, und auch diesmal fesselte Gabriele Forberg-Schneider das Publikum in hohem Maße mit ihren klugen, hintersinnigen und punktgenauen Kommentaren. Ihre herzenswarme Zuwendung zu der Preisträgerin und deren Geschichte aus dem Drama der serbo-kroatischen Kriegssituation heraus, rührte das Publikum sehr. Die heute 31järige hat sich als Kind in der Kriegssituation ans Klavier geflüchtet und daraus erwuchs dann wie selbstverständlich der Berufswunsch – vielleicht, um sich alle  frühen Erfahrungen von der Seele zu schreiben „...Tochter der Unheilbrüterin verschwinde...“


Das ist der Titel eines der Stücke, die Beispiele und Einblicke in das Schaffen der Künstlerin geben an diesem Vormittag. Es gibt Akkordeon solo, Streichquartett, Ensemble mit Stimme, und als Welt-Uraufführung „Und du willst, daß wir uns lieben“ für Stimme und Akkordeon – eine liebevolle Widmung an die Stifterin. Die ungewöhnlichen, annähernd surrealistischen Texte und Titel findet Milica Djordjevic vor allem bei ihrem Landsmann Vasco Popa, dessen Werk in Deutschland zu unrecht kaum bekannt ist. Und wie sie, solche Texte im Kopf, auf der Grundlage solider Kompositionstechnik, zu musikalisch eigenständigen  Ausdrucksformen eruptiver Gewalt, brutaler Schärfe, nackter Rauheit und dramatischer Stille findet, so öffnet sie ungeahnte sphärische Räume und läßt plastische, körperlich erfahrbare Hörerlebnisse entstehen.. 
Am Ende verdiente Ovationen, besonders auch für die exzellenten Interpreten: Sopranistin Valentina Coladonato sei herausgehoben – sie führt genau die speziellen Klangfarben-Attacken.  Ich bin gespannt auf den weiteren Erfolgsweg der  vielversprechenden jungen Komponistin!


Am Nachmittag will das junge Trio „Catch“ aus Hamburg (Boglarka Pecze, Klarinette; Eva Boesch, Violoncello; Sun-Young Nam, Klavier) das Publikum „fangen“, was auch in der Totale gelingt. Nach Brahms’ a-moll-Trio folgt der  nach dreißig Jaahren immer noch  schwer verdauliche Helmut Lachenmann mit konkreter Musik:  sein „Allegro sostenuto“ ist eine Aufforderung an die Künstlerinnen, sich Tönen, Klängen, Klangfeldern und Kompilationen auf alle Arten der möglichen Gestaltungsweisen zu nähern – Lachenmann untersucht akribisch, labormäßig systematisch und verweilt verzückt auf jedem neuen Befund: und das vollziehen die drei „Catcher“ mit vollem Einsatz und viel sensibler Spielkunst nach und vermögen sogar, das  intrinsisch Musikantische heraus zu kitzeln.


Ultimativer Höhepunkt des Festsonntags, miuntenlanges Johlen, Klatsch-Kaskaden, Standing Ovations, am Schluß und überall beglückte Gesichter – was „Visionen“ so alles vollbringen können!


Passenderweise heißt das junge Streichquartett des Abends „Vision String Quartet“ und ist mit Jakob Encke, Daniel Stoll, Sander Stuart und Leonard Disselhorst zusammen erst ganz knapp über 90 Jahre alt.  Für mich wird eine Vision wahr: daß ein Ensemble auswendig zu spielen wagt ohne vom lästigen Notenblättern abgelenkt zu werden, schien mir bisher Utopie – Vision, das Quartett der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, beweist die enorme Intensität, die aus freiem Spiel heraus in die Interpretation wie auch in den Hörgenuß fließt. Jacob Enckes Bearbeitung des Schubertschen Erlkönig: ein echtes Melodram der tödlichen Vision eines armen Kindes; Schostakowitschs achtes Streichquartett: nie so farbig und kompromißlos gehört, tief unter der Haut. Dimitri hätte sich auch am jazzigen Rhythmus erfreut, den die „Visions“ mit Lust aus dem geheimen Versteck des politischen Widerstandes hervor holten.
Antonin Dvoraks Streichquintett G-Dur holte den Kontrabassisten Edicson Ruiz mit ins Boot, auch er ein Meister der Saiten, mit 30 schon Mitglied der Berliner Philharmoniker und hier der kongeniale Streichquartett-Partner.


Mit diesem großen Werk sind Dvoraks Visionen und Hoffnungen auf den Musikpreis der tschechischen Künstlervereinigung 1876 wahr geworden, und ein tatsächlich visionäres, weit in die Moderne weisendes Werk konnten wir in der Interpretation der „Visions“ nacherleben. Klare Linienführung, Transparenz , Melodienseligkeit und herbe Strenge, der gesamte Kosmos der musikalischen Landschaften des Böhmen  entfaltete sich in präziser Leichtigkeit vor unseren Augen und Ohren.


Seit gestern wissen wir es: das Zeitalter der Überflieger-Generation in Sachen Musik hat begonnen.












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