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Bericht vom 13.09.2014

Sommerliche Musiktage Hitzacker

Tanz Total oder: Ist Festival-Kultur nachhaltig?

Jutta de Vries





69. Sommerliche Musiktage Hitzacker – „Tanz“ total bis zum Niedersinken
oder: ist Festival-Kultur nachhaltig?
Überlegungen am Rand des Veranstaltungskerns am Beispiel der neu ins Leben gerufenen Festival-Akademie für Hochschulabsolventen


Anfang August sind die 69. Sommerlichen Musiktage, Deutschlands ältestes Kammermusikfest, mit beispiellosem Erfolg zu Ende gegangen. Aber nach dem Fest ist vor dem Fest - mit Spannung wird erwartet, welche besondere dramaturgische Landschaft die hoch verehrte und geliebte Intendantin Carolin Widmann für das kommende Jubiläumsjahr aufrollen wird – „Opus 70 – das Fest“ heißt es dann. Wie immer neun Tage lang, beginnend am letzten Juli-Wochenende.


„O Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen“ so mahnte erstaunlicherweise der alte Kirchenvater Augustinus aus seiner Wüsteneinsiedelei heraus, und „Tanz“, das diesjährige Motto, entwickelte eine dynamische Sogwirkung im wie immer vielfarbigen Angebot hochkarätiger Darbietungen von Musik, Tanz, Literatur oder Bildung in der Hörerakademie zu einer nicht enden wollenden, lustvollen Bewegung – das ganze Leben der „Sommerlichen“ war ein Tanz, nicht nur beim beliebten Festival-Walk. „Richtigen“ Tanz aktuell interpretiert gab es aber auch – dafür sorgten Mitglieder der Compagnie Sasha Waltz und das umtoste Bundesjugendballett. Das klug komponierte musikalische Profil mit dem klaren Schwerpunkt auf der zeitgenössischen Musik - Composer in Residence: Dieter Ammann - bot aber auch klassische Hochglanzformate wie Liederabend und KlavierRecital.


Die festspielwürdige Mischung mit hochkarätigen, meist noch jungen, musikalisch  profilierten Künsterpersönlichkeiten war wie immer hoch brisant und kam beim Publikum bestens an, dennoch ist die Generationenfrage ein Problem, dem sich Carolin Widmann stellt. So hat während des Festivals zum 2. Mal in Folge das Nachhaltigkeitspodium stattgefunden, diesmal mit Vertretern aus Musikhochschule, Konzertagentur und Feuilleton, um die nicht so rosige Zukunft der Kammermusik zu beleuchten. Kammermusik-konzerte sind überall weniger gut besucht, und 20% der Kammermusikfestivals sind seit 2010 nicht mehr am Markt – ein Problem sieht Carolin Widmann in der wenig nachhaltigen Anschubförderung, die höchstens 3 Jahre greift. Kulturvermittlung ist einer der Lösungsansätze, der in Hitzacker schon beispielhaft in den Formaten Hörerakademie, Laienmusizieren mit Profi-Coaching und Chorsingen praktiziert wird. Und ganz neu, im „musici“- Kinderclub, der während einzelner Konzerte die Jüngsten spielerisch an Musik heranführte und Konzert-Eltern entlastete. Erstmals gab es auch extra Einführungen für  Kinder und Jugendliche zu ausgewählten Konzerten.  


Ein Nachhaltigkeitsproblem stellt sich Musikern bereits am Ende des Studiums – wie können junge Absolventen ihre Karriere planen? Ohne Agentur keine Engagements, ohne Konzerterfolge keine Agentur – wie vermarkte ich mich selbst, was fordern Selbständigkeit und Finanzamt von mir, wie schaffe ich mir ein unverwechselbares Profil, wie diszipliniere ich mich hin zu einem vernünftigen Zeitmanagement, wie vermittle ich mein Programm auf der Bühne, wie fühlt sich das Musizieren auf einem Festival an? 


Alles drängende Fragen, die Geigerin Carolin Widmann aus eigener bitterer Erfahrung kennt. Um den Weg bis zum Erfolg  für Absolventen zu erleichtern, gründete sie in Anbindung an die „Sommerlichen“ in Hitzacker in diesem Jahr die Festival-Akademie. Möglich machte dies die Förderung der Klosterkammer Hannover, die das Projekt auf 3 Jahre hinaus großzügig unterstützt, der berühmte Anschub. Für den Erfolg und die Nachhaltigkeit muß die Festival-Akademie dann weiter selbst sorgen und neue Unterstützung suchen. 


Die Ausschreibung in Zusammenarbeit mit der dort angesiedelten Yehudi-Menuhin-Stiftung „Live Music Now e.V.“ richtete sich an Studierende der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, die als besonders qualifizierte Künstlerinnen und Künstler Stipendiaten der Stiftung sind. Als Stipendiaten werden sie finanziell gefördert, bringen ihre Musik regelmäßig in soziale Einrichtungen zu Menschen, die selbst Konzertsäle nicht mehr aus eigener Kraft besuchen können und sammeln dabei auch Erfahrungen. Leidenden Menschen Lebensfreude durch Musik zu bringen, das ist Yehudi Menuhins humaner, nachhaltiger Projektgedanke, der auch für die Festival-Akademie Hitzacker gelten soll.


Aus vielen Bewerbungen wählte die Festival-Jury 14 junge Profis (Durchschnittsalter 26 Jahre) aus, die sich zuvor zu Duos zusammen geschlossen und mit ihren musikalischen Konzepten zum Thema „Tanz“ überzeugt hatten. Neben einem Mandolinen-Solisten und dem schon zuvor gegründeten Klavierquartett „Flex-Ensemble“ gab es die Kombinationen  Gesang/Klavier, Akkordeon/Violine und Akkordeon/Violoncello in verschiedenen Besetzungen.
Neben Workshops und Coaching in den Vormittagsstunden standen 11 Konzerte in sozialen Einrichtungen der Umgebung auf dem Programm, ein Geben und Nehmen, das auf allen Seiten anrührende Erfolgsgeschichten schrieb. 
In den  abendlichen kurzen Pre-Concerts im Pleasure Ground des Festspielhauses „Verdo“ und beim Festival-Walk wurden die Stipendiaten dann zu stark beachteten Konzert-Profis mit interessanten Programmen abseits vom Mainstream.
Begeisterung auf der ganzen Linie, beim Publikum, das die Frische der Interpretation genießt, bei den jungen Profis, die sich angenommen fühlen: Josefine Göhmann, Sopranistin: „Wir bekommen hier unglaublich viel Information, können unser Wissen vertiefen“. Und ihre Klavierpartnerin Christine Hiller ergänzt: “Wir dürfen alle Konzerte und Veranstaltungen besuchen, das ist ein großes Geschenk!“ Besonders glücklich ist das Flex-Ensemble, ein Klavierquartett, das sich – dem Namen gemäß – auch für Gastspieler öffnet. Die Flex-Mitglieder: Kana Sugimura, Violine; Anna Szulk-Kapala, Viola; Martha Bijlsma, Violoncello und Endri Nini, Klavier. 2012 an der Hochschule gegründet, haben sie bereits nach einem Jahr der Zusammenarbeit die musikalische Leitung eines kleinen Wochenend-Festivals inne und neben anderen Auszeichnungen  den 1. Preis beim Internationalen Schumann-Kammermusikpreis in Frankfurt erhalten, der mit der Aufnahme einer CD gekoppelt ist. Gerade ist diese CD nun erschienen, mit Werken von Stephen Hartke, Astor Piazolla (mit Elsbeth Moser, Akkordeon) und Johannes Brahms. Während der „Sommerlichen“ ist es dem couragierten Quartett geglückt, die NDR-Redakteurin vor Ort mit einem druckfrischen Exemplar für seine Musik zu interessieren – Interview und Besprechung wurden vereinbart.
„Wir fühlen uns so bestärkt in unserer Arbeit“ sagt Kana Sugimura in aller Bescheidenheit.


Ja, und dann geschieht etwas, das sich alle jungen Profis in ihren kühnsten Träumen kaum zu erhoffen wagen:
Am Morgen seines Soloabends  muß der renommierte kanadische Cellist Jean Guihen Queyras plötzlich krankheitshalber absagen. Samstag. Kein Ersatz zu finden.
Rettung: die Profis der Festival-Akademie! Das Flex-Quartett wird von der Heimreise zurück gerufen, die anderen vom Festival Walk, den sie mitgestalten.
Alle nutzen ihre Chance und sind so gut und inspiriert wie nie, es wird ein beschwingter, abwechslungsreicher Abend mit dem Mandolinisten Alon Sariel, dem Duo Viktoria Margasyuk, Violine/ Nastja Schkinder, Akkordeon, mit dem Duo Josefine Göhmann, Sopran/Christine Hiller, Klavier und dem Flex Ensemble. Die Stimmung im Publikum kocht hoch und führt zu Ovationen.


Und das Beste noch zum Schluß:
Der NDR, der den Cello-Abend mitschneiden wollte, hat nicht seine Mikrofone abgeschaltet, sondern das Experiment gewagt: und alles ist sendefähig! Ausschnitte sind für 28.8. in der Reihe „Das Konzert“ im ARD RadioFestival vorgesehen, das ganze Konzert zu einem späteren Zeitpunkt.


Wie die Kurzweg-Nachhaltigkeit sich in die Zukunft weiterentwickeln wird, bleibt zu beobachten – ein sinnfälligeres Ergebnis jedoch hätte die Festival Akademie wohl kaum erzielen können.




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