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Bericht vom 11.11.2013

Patricia Valencia Carstens

Leben im Einklang mit der Natur

Jutta de Vries

Patricia Valencia Carstens
Leben im Einklang mit der Natur


Ausstellung Kreisparkasse Stade Oktober 2013
Einführung zur Eröffnung am 1. Oktober 2013
© Jutta de Vries


Sehr geehrte Herren und Damen,
 
unsere Ausstellungseröffnungsmusik ist heute sehr ungewöhnlich: Sie haben einen indigenen Schamanen gehört, der rituelle Gebete zur Pachamama, der südamerikanischen Erd- und Muttergöttin singt.
Er befindet sich im Einklang mit der Natur, indem er sie ehrt, achtsam mit ihr umgeht, weil er ihren Wert und ihre unbedingte Notwendigkeit zum Überleben erkannt hat. 


Natur, also das, was vom Menschen nicht geschaffen wurde und deren Teil er selbst ist, steht im Gegensatz zur Kultur, also der von Menschen geschaffenen Projektion von Welt. 
Die Kritik an den maßlosen Kultur- und Gesellschaftssystemen, die zu Veränderungen verhängnisvoller Art in der Umwelt führen, ist uns allen wohl bekannt.
In der Antike schwärmte man vom Kosmos, also von der Wohlgeordnetheit der Welt als Ganzer, Dynamik, Energie, Ästhetik, also das „Naturschöne“ zeichnete sie aus.
Weitere Jahrhunderte arbeiten vor allem an der Nutzbarmachung, sprich Ausbeutung.
Die Entdeckung der Natur und Ihr Lob im philologischen Sinn ist in der Romantik, im 19. Jh, anzusiedeln, man sucht die „Blaue Blume“. Sie erinnern sich z.B. an Novalis’ Gedichte und Schuberts Lieder, an die Texte von Eichendorff. Diese Naturerkenntnis geht auch im wesentlichen mit Verinnerlichung und Gefühl zusammen, man verwendet Naturphänomene als Metaphern für menschliches Empfinden. Diese verstärkte Hinwendung zur Natur ist auch im Zusammenhang mit der fortschreitenden Industrialisierung zu sehen.
Die Natur als ökologisches, selbstregulierendes System wird im späten 20. Jh. erkannt. Arbeit, Gesellschaft und Natur stehen in einem Systemzusammenhang, der auch die Stadtlandschaft mit umfasst, man spricht dann von „geistdurchsetzter“ Natur. Spannende Forschungen sind im Gange, aber das Thema in ökologisch vertretbare Lebensformen umzusetzen, scheint fast unlösbar oder bedeutet zumindest einen langen Weg in die Zukunft.


Leben im Einklang mit der Natur – das ist ein mutiges Ausstellungsthema für unsere Welt, die dem unbedingten Fortschrittsglauben trotz besseren Wissens großenteils weiter anhängt.


Die Künstlerin Patricia Valencia Carstens, die dieses Thema angeht, ist in Argentinien geboren, wo sie auch Ihr Kunst-Studium absolvierte. Sie lebt und arbeitet seit 1986 im Landkreis Stade, ist bei internationalen  Ausstellungen erfolgreich und hat gerade die Bemalung des Kunst-Konzertflügels für den Stader Verein „Musik-Kontakte“ fertig gestellt. Der Flügel wurde vor kurzem unter großer Anteilnahme der Musikliebhaber von nah und fern mit einem fulminanten Klavier-Recital in der Airbus-Solarhalle eingeweiht, vielleicht waren einige von Ihnen ja dabei. Im Zentrum der malerischen Themen steht für Patricia VC nach einer frühen interessanten konstruktivistisch-abstrakten Phase seit langem die Figur,  der Mensch. Vielfach sind es Frauenschicksale, die sie nicht nur unter ästhetischen, sondern vor allem unter gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten untersucht. 


In dieser aktuellen Ausstellung mit ganz neuen Arbeiten 2011-13 befragt sie das Spannungsverhältnis Mensch-Natur. Hierbei konfrontieren die farbstarken, großformatigen Leinwände die Betrachter mit subtilen Botschaften und rufen zu mehr Nachdenken auf. Die Künstlerin bevorzugt Acrylfarben auf Leinwand, die  eine große Leuchtkraft haben, klare Mischungen zulassen und schnelles Arbeiten erlauben; sie trocknen zügig und weitere Farb-Schichten können bald auf- oder abgetragen werden. Sie ermöglichen den fließenden, lasierenden Pinselstrich genau so wie den pastosen, bis zum Relief führenden Auftrag, und Patricia arbeitet mit allen zur Verfügung stehenden gestischen Mitteln, um die für sie wichtige Bildaussage zu erzielen. Das kann sowohl präzise abbildhaft (Tiere in der Salzwüste) oder fast ganz gegenstandsfrei sein (toter Stier).
Das macht die Ausstellung vielschichtig und abwechslungsreich. 


Und auch das Thema „Flügeltransformation“ läßt die Künstlerin offensichtlich nicht los, denn im Zentrum dieser Ausstellung steht ein wunderbares altes Instrument, dessen hölzerne Verzierungen auf den Beginn des 20.Jh. hinweisen. Ob die Klaviatur noch bespielbar ist, wissen wir nicht, aber entstanden ist eine überwuchernde, frühlingshafte Bemalung des Korpus, innen und außen haben Moos und Gräser , Borken und Herbstfrüchte mit der Rückeroberung bereits begonnen (übrigens mit Hilfe der Floristmeisterin Ulla Glax), aus dem Innern tönen Vogelstimmen und Wellenrauschen, ein südamerikanischer Schamane betet sein Natur-Ritual. So erobert sich Natur das Künstliche zurück – es gibt ja kaum etwas Künstlicheres als ein Musikinstrument, das die Klänge der Natur letztendlich imitiert.


Den Bogen zu den Bildern der Ausstellung schlägt das Bodenbanner, das  den Blick unmittelbar in das Gemälde „Herbsthimmel“ führt, und so dürfen wir uns der in den Himmel hineinwachsenden Natur und gleichzeitig ihrem metaphysischen Himmels-Äquivalent nahe fühlen – denn es ist ja die Natur, die unsere frühen Vorfahren zur Schaffung ihrer Glaubenswelten inspiriert hat. Die Beobachtung der Naturphänomene, Sonne, Mond, Sterne, Jahreszeiten, Blitz, Donner Wasserfluten, Feuer und das Wunder der Nahrung, die aus dem Boden wächst, ließ unsere Vorfahren ehrfürchtig staunen und die so gegebenen Äußerungen der Natur mit Gottheiten in Verbindung bringen, denen man danken und die man gern auch im Ritual für sich günstig stimmen wollte. Eine zentrale Rolle spielte und spielt bis heute in Mittel- und Südamerika die uralte Muttergöttin Pachamama, die für die Fruchtbarkeit der Erde verehrt wird, und die, seit das Christentum Einzug hielt, mit der Mutter Jesu, Maria, verschmilzt. In Patricia Valencia Carstens großformatigem Bild erscheint Pachamama verwoben in monochrome Erdfarben, bei genauem Betrachten erscheinen verschiedene Gesichter wie geistige Erscheinungen, und mit dem hell grünenden Baum wird Fruchtbarkeit symbolisiert. Hier wie auch in den großstämmigen, himmelstürmenden Herbstbäumen wird der Einklang mit der Natur gefeiert. Wenn der Mensch sich auf das Naturangebot einstellt – und diese intelligente Fähigkeit hat er in Jahrtausenden bewiesen – ist ein Überleben gut möglich, ob im europäischen Wald, trockener Anden-Region oder in der Salina Grande Jujuy, der großen Salzwüste im Norden Argentiniens: der deutliche Pfad spricht von vielen Füßen, die ihn begehen. Diese Bilder feiern auch die große, wie selbstverständliche Schönheit der Natur, die sich noch im kleinsten Salzkristall oder im sonnendurchlichteten Blatt zeigt. Die Schönheit beweist sich ebenfalls in der Stadtlandschaft. Harmonische Strukturen wachsen, wenn auch von Menschen gebaut, ziemlich hoch in den Himmel, wie das Bild aus New York Downtown in der Straße „Mercer“ zeigt. Der Mensch inmitten seiner Errungenschaften ist mit sich völlig im Einklang, und auch in der Stadtwüste wird das kleine Fleckchen grün verteidigt. Patricia hat selbst diesen Blick aufgenommen, im Gemälde dann die Gegenstandsfarben degeneriert und zum Leuchten gebracht – Neonfarben entsprechen der Lautstärke-Natur einer  Großstadt, und insbesondere geben die rein roten Ampeln hier die Spannungspunkte ab.




Die Schönheit der Natur zeigt sich zynischerweise auch in Katastrophensituationen wie dem Hochwasser, dessen Häufigkeit in den vergangenen Jahrzehnten durch Eingriffe von Menschenhand in die Natur sprunghaft angestiegen ist. Der Schönheit in PVCs mystischem Werk mit seinen Lichtbrechungen und Spiegelungen wird man sich kaum entziehen können. Die Polarität der Natur zeigt sich hier: grausame Gewalt vereint sich mit Harmonie. Wasser ist ja unser Lebenselixier, und die Diskussion über die Privatisierung der Wasserwerke hat erst wieder deutlich gemacht, dass jeder Mensch ein verbrieftes Recht auf Zugang zu sauberem Wasser hat. In vielen Ländern der Welt ist da noch viel zu tun, aber auch in unserer westlichen Welt ist Vorsicht angesagt: das scheint uns „Bestandsaufnahme“ zu vermitteln, steht doch die Fotografin in äußert gespannter Konzentration in einem Wasser, dass durch seine kranke gelb-grüne Farbigkeit keinen guten Eindruck auf uns macht. Gleichwohl sind Komposition und Lichtführung in harmonischem Gleichgewicht, und wir lassen uns täuschen...beobachtet sie vielleicht nur Frösche im Biotop?
Als Metapher zu verstehen ist das verdorrte Feld, durch dass sich eine männliche Figur entfernt. Die hilflose Geste der Hand am Hinterkopf signalisiert, dass er sich noch beobachtet fühlt, der Abschied ohne Wiederkehr hat gerade erst statt gefunden, das Feld, die Liebe, scheinen verdorrt. 
Probleme signalisiert die blaue Fahrradfahrerin – die Farbgebung in Neon läßt Alarmglocken schrillen, verfremdet ist die Heiterkeit der Szene, die eigentlich von Freizeit und Erholung sprechen sollte. Während die Künstlerin hier die Symbolkraft von Farben ausreizt, sprechen die beiden Stierbilder eine eindeutige Sprache der Anklage. Wenn der Mensch in die Natur eingreift und andere lebende Kreaturen quält wie beim Stierkampf, nur um sein Vergnügen zu befriedigen, also die grausame römische Tradition des „Brot und Spiele“ fortsetzt, ist der Einklang mit der Natur massiv gestört. Und nicht einmal das Mäntelchen des Fortschrittsdenkens deckt diese Tatsache zu.


Achtsamkeit gegenüber allen Mit-Lebewesen und den Ressourcen der Natur ist die Botschaft dieser Ausstellung – aber ist die Menschheit da schon auf einem guten Weg?
Ganz aktuell habe ich folgende fortschrittsgläubige Werbung eines weltweiten Großkonzerns gelesen, die ich für Sie zum Nachdenken an das Ende meiner Ausführungen stellen möchte:
„Wir stehen für Antworten. Und wir denken die Dinge zu Ende. Wir verbinden die Elemente. Und wir liefern Ergebnisse. Wir stehen für Wissenschaft. Wir stehen für Lösungen. Und wir sind davon überzeugt, dass Mensch und Wissenschaft zusammen alles Lösen können.“


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