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Bericht vom 02.09.2012

Beate Biebricher: Die Poesie der Linie

Text zum Ausstellungskatalog in Stade 2012

Jutta de Vries

Die Poesie der Linie
©Jutta de Vries


"Wenn ein Punkt Bewegung und Linie wird, so erfordert das Zeit. Ebenso, wenn sich eine Linie zur Fläche verschiebt. Desgleichen die Bewegung von Flächen zu Räumen. Entsteht vielleicht ein Bildwerk..."


Punkt, Linie, Fläche, Raum – Paul Klee, der große expressionistische Maler des 20. Jahrhunderts und Meister des linearen Stils, umreißt hier mit ganz wenigen Worten das Wesen der Linie in der Kunst. Das Imaginäre ist ihr zugeordnet, das Irreale und der Begriff von Zeit und Raum. 


Das scheint zunächst ein Paradoxon, sucht doch der künstlerische Ausdruckswille Sinn und Schönheit der Dinge zunächst im Umriß, wie der Kunstheoretiker Heinrich Wölfflin schreibt. Das wäre ja eine handfeste reale Zustandsbeschreibung für ein Abbild. Aber diese Linie, entwickelt aus unzählbaren Punkten und in ihrem Charakter unendlich, ist per se nicht real, sie ist eine Erfindung des Menschen und ist in der Natur für das Auge nicht vorhanden. Alle sichtbaren Teile der Natur - Kanten, Volumina, Horizonte - sind Körper oder Räume und atmosphärisch gebrochen. 


Wenn Künstler die Untersuchung der Linie zu ihrem Thema machen, dann entfernt sich die Malerei von der Darstellung der Wirklichkeit. Die Bildinhalte werden abstrahiert und verwandelt. 
Im Werk von Beate Biebricher, die seit einiger Zeit die Linie untersucht und zu ihrem Thema macht, findet sich genau diese Stilisierung von Realität, dieses Abstand nehmen vom Sujet und dieses Lösen von der Definition bis hin zu Arbeiten, in denen die Line selbst zum Bildgegenstand wird. Die Künstlerin arbeitet auf Leinwand oder verwandten Bildgründen, nutzt auch Papier, Pappe oder Holz. Zu ihren bevorzugten Malmitteln zählen Ölfarben oder Eitempera, es wird abwechslungsreich collagiert, gedruckt und mit Lehmputz gehöht. 
Ihre Palette ist fröhlich, fast ausschließlich verwendet sie ungebrochene, leuchtend reinbunte Farben, mit elegantem fein lasierendem Pinsel-Duktus. Es sind die leisen klaren Klänge, die verzaubern. Das expressiv Explodierende findet sich aber ebenfalls in einigen auflodernden Arbeiten der Künstlerin.


Die Natur ist ihr Thema, Wald, Erdformationen, Siedlungsgrundrisse oder Wegenetze – alles wie aus der Vogelperspektive gesehen. Aber das Wasser ist es vor allem, das ihre Aufmerksamkeit hat, und hier sind es  besonders die von Schwimmern gefürchteten Medusen- Quallen, benannt nach der antiken Wassernixe Medusa mit dem schlangenumzingelten Gorgonenhaupt und den tödlichen Augen. Hier werden sie mit einem anderen, liebevollen und bewundernden  Blick für die geheime Größe der Natur in ihrer üppigen Schönheit als Königinnen des Meeres gefeiert.Welch kunstvolles Unterwasser-Szenario: das Bewegung und Raum schaffende Spiel der robusten linearen Tentakel ebenso wie die kontrastierend verletzbar und in zarter Durchsichtigkeit atmenden Schleier-Gebilde in der Weite paradiesisch farbiger und vom diffusen Licht geformter Tiefen-Welten. 
Wasserlandschaften begegnen uns auch vom Blickwinkel der Oberfläche her, wie sie mit dem Horizont und der Luft verschmelzen und wir beim Betrachten unversehens in das sanfte Schaukeln der Wellenbewegung hinein geraten. 


In den gegenstandsfreien Arbeiten lässt der reizvolle Figur-Grund-Bezug die klar konturieren Vordergrund-Gespinste als malerischen Schattenwirkungen in der Tiefe der Farblasuren erscheinen und versetzt sie in ein lebendiges Spannungsverhältnis. 


Im intensiven Schaffensprozess ist es dieses atmosphärische Etwas, das die Linie mit der malerischen Gestik verschmelzen und zu Poesie werden lässt.








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