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Bericht vom 02.09.2012

Und noch einmal: dOCUMENTA (13)

Jutta de Vries

dOCUMENTA (13) 
©Jutta de Vries


die Documenta ist etwas besonderes unter den Kunstevents, Biennalen, Triennalen und Weltausstellungen der Kunst: Sie zeigt nicht Kunst um der Kunst willen, versammelt nicht im Sinne eines globalen  Überblicks die gerade angesagten Künstler der jeweiligen Jahre: nein sie stellt die Frage nach dem gegenwärtigen BEGRIFF von Kunst, dazu zeigt sie Kunstwerke aus vielen Kontexten, aus denen sie sie herauslöst und in einen größeren Sinnzusammenhang stellt. Dadurch werden die Kunstwerke frei, und auch die Betrachter haben die Freiheit einer neuen Erfahrung, indem sie Kunst etwa auf dem Hintergrund von Wissenschaft oder  Politik oder in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen wahrnehmen  kann.
Das ist die Auffassung des Philosophen Christoph Menke.
Er fordert in diesem Zusammenhang eine radikale Selbstbefragung der Kunst und geht sogar soweit zu fragen, ob wir Kunst überhaupt noch brauchen.


Auch Carolyn Christov-Bakargiev, diesjährige Kuratorin der großen Schau, fragt viel.
Nach den drängenden Problemen der Menschheit heute zum Beispiel oder ob sinnliche Erfahrungen durch die „zarte Kraft“ der Kunst Veränderungen mit sich bringen.
Zum Beispiel, ob Steine oder Erdbeeren fühlen und denken. Oder ob Hunde Kunst mögen.
Oder wie wir mit unserer Welt umgehen. Begriffe von Konflikt, Trauma und Zerstörung fallen in ihrem langen Essay zur Eröffnung, Gegensatzpaare von Zusammenbruch und Wiederaufbau; Streit und Versöhnung. Ihre Schau ist seltsam leise und Ergebnisoffen, kein Konzept steht im Zentrum - einem Spiegel gleich, den sie der Gesellschaft vorhält; eine Gesellschaft, die in unserer Zeit auch keine Mitte hat.
„Die d13 ist ein Raum der Beziehungen zwischen Menschen und Dingen, ein Ort des Übergangs und des Durchgangs zwischen Orten und an Orten, ein politischer Raum, an dem die polis nicht nur von menschlicher Handlungsmacht begrenzt wird, ein Raum des Rückhalts und des Engagements, ein verletzlicher Raum, ein gefährdeter, aber auch umsorgter Raum“ (CCB)


Die unaufgeregte aber sehr faszinierende Schau wird von mehr als 150 Künstlern und Vertretern anderer Disziplinen wie Physikern, Philosophen, Schriftstellern, Musikern und und und... getragen, darunter proportional viele Frauen. 55 Herkunftsländer werden gezählt, vor allem die Krisenregionen der Welt sind massiv vertreten. Die meisten Namen hat noch niemand vorher gehört.


Im Vorfeld gab es Aufträge für 100 Essays an 100 Leute, die was zu sagen haben in der Welt, die nun an  den 100 Ausstellungstagen gelesen werden, jeweils abends spät, wie auch abends spät Theaterstücke und Filme angeboten werden – wenn man will ist man bis weit nach Mitternacht in Sachen d13 unterwegs.


Es gibt auch zum ersten Mal 4 gleichzeitige Schauplätze mit Ausstellungsteilen, Workshops und Vorträgen: Kabul, Kairo, Banff (NSG Canada) und Kassel. Auch in der Stadt gibt es so viele dezentralisierte Außenstandorte wie nie, vor allem sind lange Wanderungen in der herrlichen kurfürstlichen Parkanlage gefordert aber auch traumhaft schön (bei gutem Wetter).
Den vier Schauplätzen sind 4 Geistes-Zustände zugeordnet und stehen in einer spezifischen Beziehung zur Zeit:








**Auf der Bühne: ich spiele eine Rolle, ich bin ein Subjekt im Akt der Wiederaufführung
**Unter Belagerung: Ich bin umlagert/belagert von anderen
**Auf dem Rückzug: Ich bin zurück gezogen, ich beschließe, die anderen zurück zu lassen, ich schlafe
**Im Zustand der Hoffnung oder des Optimismus: Ich träume, ich bin das träumende Subjekt der Antizipation


Während der Rückzug die Zeit aufhebt, erzeugt das Auf-der-Bühne-Stehen eine lebhafte und lebendige Zeit des Hier und Jetzt, die kontinuierliche Gegenwart. Während die Hoffnung durch das Gefühl eines Versprechens (das Gefühl einer Zeit, die sich eröffnet und nicht endet) die Zeit frei setzt, verdichtet das Gefühl des Belagerungszustandes die Zeit bis zu einem Punkt, an dem es jenseits der Elemente des Lebens, die eng an uns gebunden sind, keinen Raum mehr gibt.


Daher wird bei dieser d(13) besonders Wert auf Raum und Zeit und ihre Präsenz gelegt. Kassel als Austragungsort wird aus seinem geschichtlichen Dornröschenschlaf gerissen, indem an vielen vergessenen und heute ungenutzten Orten Kunst gezeigt wird, die auf diese Orte antwortet. 
Das ist sehr leise und sehr sensibel und äußerst klug und intelligent gemacht, eine Bereicherung und ein Gewinn für uns als Betrachter.
Deshalb ab nach Kassel, sehr geehrte Damen und Herren!


Konzeptuelle Ideen:


• Zerstörung und Wiederaufbau
• Zeit und Wirklichkeit
• Übersetzung und Unübersetzbarkeit
• Eingrenzung und Ausgrenzung
• Welt und Kunstwelt
• Mensch und Tier
• Altes und neues Wissen


(Quelle: gegenwartskunst.unterrichten.de/documenta/)


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