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Bericht vom 18.12.2011

GEDOK Hannover - Aufbruch in die Zukunft

85 Jahre GEDOK Hannover + 50 Jahre Ruth Bubel-Bickhardt

Jutta de Vries



Aufbruch in die Zukunft
85 Jahre GEDOK Hanover
50 Jahre Ruth Bubel-Bickhardt
10.12.2011 – 14.01.2012
Einführung in die Ausstellung
©Jutta de Vries


Dies ist ein historischer Augenblick, liebe Ehrengäste,  liebe Ruth Bubel-Bickhardt, liebe Kolleginnen, sehr geehrte Herren und Damen. Eine Ära geht zu Ende. Harter Schnitt, ein weinendes und ein lachendes Auge.


Wenn die GEDOK Hannover im Januar 2012 diese letzte Ausstellung mit einer großen Finissage schließt, würde sie als zweitälteste Gruppe des Verbandes das Jubiläum ihres 85jährigen Bestehens feiern können. Stattdessen kommt der von den Mitgliedern mehrheitlich beschlossene Abschied – die Geschichte schreibt nun die einst abgespaltene GEDOK Niedersachsen weiter, Aufbruch in die Zukunft...
„Aufbruch“ – geradezu lautmalerisch bricht die Bedeutung aus dem Wort heraus, wird zur aktiven Begrifflichkeit. Das Bisherige, der scheinbar festgeschriebene Zustand, will sich verändern, und zwar so, dass auch der „Bruch“, die Zerstörung, in Kauf genommen wird.
Grenzen möchten gesprengt werden, Ziele, Wünsche, Visionen stehen in der nicht allzu weiten Ferne des neuen Wegs vor Augen. 


Ist der neue Weg vielleicht doch eher der alte? 
Konnten die zeitgemäßen Umstrukturierungen der letzten Jahre, die neuen Kommunikationsformen und ein Ausstellungsort, der den Erfordernissen der aktuellen Kunstszene entspricht, die Sehnsucht nach dem Altbewährten nicht stillen, das nun durch den Wechsel wieder aufgesucht werden soll?


Die Visionen der Ida Dehmel einer wichtigen und mutigen Gründung zur Unterstützung der Selbständigkeit von Künstlerinnen war für die Zeit der ersten großen Emanzipationswelle nach dem 1. Weltkrieg sinnvoll und auch oft lebensrettend, und basierten im Wesentlichen auf den finanziellen Hilfen durch die Kunstfreundinnen aus reichem Hause, wie die Lebensgeschichten von Grethe Jürgens oder Gerta Overbeck zeigen. In diesem Zusammenhang verweise ich gern auf den historischen Rückblick von Ines Katenhusen in der GEDOK Festschrift von 2007.


Historisch zu nennen sind auch die Erinnerungen der Künstlerin Ruth Bubel Bickhardt, die 2011 schon über mehr als 50 Jahre GEDOK-Hannover-Mitgliedschaft berichten kann. 50 Jahre sind es ganz bestimmt, vielleicht auch schon ein oder zwei Jahre mehr, das genaue Datum ließ sich nicht mehr feststellen. 1959, 60 oder 61 trat sie als junge Keramikerin in die damals florierende Vereinigung ein, hat den Umzug von der Kramerstraße in die geliebte Odeonstraße miterlebt und vor vier Jahren auch den Wechsel in die großzügige Kulturetage im SofaLoft. Insgesamt hat die Künstlerin an 73 GEDOK-Ausstellungen teilgenommen, davon waren 3 Einzelausstellungen, einige Plakate dort an der Wand geben darüber Auskunft.
Ruth Bubel-Bickhardt hat in allen Jahren das künstlerische Profil der GEDOK Hannover  mit geprägt. Als Dank widmen wir ihr heute in unserer letzten Ausstellung eine große Retrospektive.
RBB hat 1958 ihr Studium an der Werkkunstschule Hannover abgeschlossen, setzt Lehrjahre in industrieller Formgebung hinzu und sammelt künstlerische Erfahrungen in Paris. Ab 1972 gibt es das eigene Töpferatelier in Burgdorf, dort widmet sie sich auch mit großem Erfolg der Kursarbeit. Die kunsthandwerkliche Arbeit ist dabei stets begleitet von der Zeichnung.
„Ich habe immer gezeichnet“ sagt die Künstlerin, und findet sich in bester Gesellschaft mit Max Liebermann, der verkündet: “die Linie macht erst das Bild, gibt ihm Struktur und Klarheit.“
Das Lineare ist denn auch das bestimmende Element in den Arbeiten der Künstlerin, aus deren umfangreichen Schaffen wir hier einen Querschnitt der verschiedenen Schaffensphasen zeigen: frühe Keramik beschäftigt sich mit den Metamorphosen des menschlichen Körpers, der Figur und ihrem Verhältnis zur Natur im Innen und Aussen, wir erleben den Zeitgeist der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts hier ganz frisch und unmittelbar gültig.


In den 80er Jahren richtet sich RBBs Interesse auf Zeichnung und Druckgraphik, denen sie bis heute treu bleibt. Kohle, Pitkreide, Rötel und die Tuschefeder sind ihre Spurgeber. Immer ist sie sparsam mit der Farbe, die Linie in Raum umspielenden Gespinsten bringt Ausdruck und Bewegung, sie ist es, die eine sicher platzierte Bild-Erfindung steuert, z.B. in den Blättern der Steine, eiszeitliche Granitsteinlagen in angedeuteter Natur – selten taucht der Topos Landschaft in anderen Zusammenhängen im Gesamtwerk auf.
Dann die Radierung, deren vielfältige Modulationen und Techniken RBB virtuos beherrscht. Wieder vor allem die Grauskala und nur sparsam Farbe beim Druck von mehreren Platten. RBB erfindet das Spiel mit der Mehrfachprojektion und Reihung gleicher und verschiedener Motive und Platten, die auf einem einzigen Bogen zusammen gedruckt werden. Es entsteht Bewegung in einer irritierenden Meta-Gegenständlichkeit, die „neue Abstraktion plus“ heißen könnte. Im Kabinett hängt eine Beispielfolge dieses Arbeitsvorgangs, damit Sie sich im Sinn des Worts von dieser interessanten Idee ein Bild machen können.
Konstruktive Tendenzen erkennen wir in den großformatigen Kreidezeichnungen. Die bewegten Figurstudien und Körperanschnitte geben sich luzide und wirken durch die selbstsichere Geste des Weglassens.
Wer zeichnet, ist auch immer in der Nähe der Anekdote, der Karikatur. Hier kommen wir zur Schmunzel-Seite von RBB. Seit langem sind die im Garten beobachteten Krähen ihre Gefährten und werden im Bild zu Metaphern für menschlich-allzu-menschliches Verhalten. (Sie spazieren ja auch frech auf unserer Einladung herum). In der Werkschau nehmen sie einen betonten Raum ein und zeugen von der leichten humorvollen  Hand der Künstlerin.
Ruth Bubel-Bickhardt, die mit den Krähen tanzt! Wer weiß, wohin der Flug nun geht? Aufbruch.


Wie sehen denn nun die Kommentare der weiteren 22 Künstlerinnen der Gruppen AK, BK, MU und Lit aus, die in dieser Ausstellung zum Thema gearbeitet haben? Die Literatur hat eine kleine Sofa-Ecke ganz hinten zum Schmökern, für die musikalische Präsenz heute danken wir ganz herzlich Sabine Bleier. Auf ein umfassendes Mu/Lit-Programm bei der Finissage möchte ich gern hier schon einmal hinweisen.


Aber nun zu den Bildenden Künsten:
Jeanette Clasen greift das Flugthema auf. In ihrer ultra-pointilistischen Farbmalerei brechen Gedanken im Flug auf, werden zu Träumen, Ideen, kumulieren in Konzentration und Sammlung. 
Auch Ursula Jenss-Sherif meint mit „Aufbruch“ die Bewegung des Vogelflugs und fügt weitreichende Facetten von Bewegung hinzu. 
Marga Falkenhagen bearbeitet alte Hölzer auf beeindruckende Weise und nennt eine Arbeit “Im Aufwind“, während das große mit vielfältig abwechslungsreichen Materialien ausgestattete Environment von Rosemarie Gaede den Aufbruch als Aufstieg und Absturz des Ikarus begreift – eine Mahnung an jeden forschen  Überschwang.
Auch die Fotos von Erika Ehlerding thematisieren den Flug – die Fotografin zeigt Libellen, deren Kunst es ja ist, sich durch energetisches Flügelschlagen in der Luft zu halten - aber dabei auf der Stelle zu stehen.
Ursula Metzenheims kleine Figurinen in großer Weite zögern noch – werden sie aufbrechen, um die hohen Bergketten zu überwinden, die im diffusen Nebel vor ihnen aufragen?
Karin Hess lässt ihre typischen reinbunten Farbflocken tanzend und mit Kraft die blaue Pastell-Deckschicht  aufbrechen; ebenfalls positiven Glanz beschwört Maren Penschuk mit abstrahierender Zeichensprache, die musikalisch heitere Erlebnisse umsetzt.
Gabriele Klimek weist in ihren fototechnischen Lunagrafien den Weg zu den ersten Schritten auf dem Mond, welch ein Aufbruch war das damals! Sie lädt uns ein, selbst Spuren auf den Werken zu zeichnen. Wie werden wohl einst die Spuren aussehen, die die GEDOK Hannover hinterlässt? 
Erika Klee katalogisiert die vergangenen Ausstellungen anhand der Einladungskarten in einem Wandbild-Arrangement und ehrt damit auch indirekt die grafische Arbeit von Barbara Lorenz Höfer, deren künstlerisches Design die meisten Flyer prägt.
Eva Friedrich und Susanne Schumacher bedienen in ihren Fotografien den Kommunikationsansatz zeitgemäßer Aufbruchs- und Fortschritts-Werbung im Makro-Look: jung, strahlend, schön. Minoo Khajeh Aldin verbindet Aufbruch mit Glück, Goldschmiedin Silke Jünst versilbert und verdreht ihn gar in filigranen Formen
Die Gegenposition vermittelt Marion Coers’ notdürftiges Flüchtlingszelt – ein Aufbruch wider Willen, der böse endet. Und was da aufgegeben werden muß, was Aufbruch an Ungeheuerlichkeiten mit sich bringen kann, thematisieren in aufeinander bezogenen Installationen Hiltrud Schäfer und Barbara Lorenz Höfer. Die eine mit interessanten alten Kästen für historische Flurpläne, bestückt mit engen Vogelkäfigen voller Erinnerungen an das Erzwungene; die andere fragt nach der Heimat, führt Verlustängste, Schmerz und Verletzungen im Leiterwagen voller Koffer und Haussymbolik auf immer mit sich.
Und zum Beschluß Hildegard Mahn. Mit schwungvoll-bravourösem Wurf des Tiuschepinsels  knüpft sie an die traditionelle chinesische Malerei an und bietet   d i e   Metaphern des Aufbruchs schlechthin, das Boot und das Pferd. Welche Kraft in den Segeln,  wie gesteigert die Dynamik der Grauwerte in den Bewegungsstudien des Pferdes!
Sofort fällt mir Franz Kafka ein.
In seiner Parabel „Der Aufbruch“ sattelt der Herr sein Pferd und bricht auf, dem nur von ihm selbst vernommenen Ton einer Trompete nach. Befragt, wohin die Reise gehe, nennt er als Zielort „Weg-Von-Hier“ und die Reise „wahrhaft ungeheuer lang“. Die Interpretation des vielschichtigen Kafka verschieben wir lieber, aber interessant in diesem Zusammenhang erscheint mir die präzise Vorstellung der unendlich langen Reise zu neuen Ufern, wo auch immer. 
Was braucht die GEDOK im 21. Jahrhundert? Warum sind die Mitgliederzahlen in den vergangenen Jahren mehr und mehr geschrumpft, warum wenden sich begabte junge Hochschul-Absolventinnen lieber Gender-Kunstorganisationen zu – es sind übrigens auch die gleichen selbstbewussten jungen Frauen, die vehement gegen die angedachte Quotenregelung kämpfen. Warum werden wenige Ankäufe für Museen aus GEDOK-Reihen getätigt, warum kann frau die Mitglieder mit Hochschulkarriere mit der Lupe suchen? Warum geistert immer noch hartnäckig der Topos vom strickenden Kaffeekränzchen und den kunstbeglückten Mäzeninnen in den Köpfen der Allgemeinheit herum? Die Medien, auch in Hannover, schließen sich da gern an.


In Zeiten qualitäts- und innovationsbewusster Kulturpolitik und erfolgreich etablierter Frauenpolitik der Verbände darf frau (und man) die ernsthafte Frage stellen, ob eine reine Frauen-Kunst-Organisation  noch zeitgemäß ist. 
Sollte der heutige Aufbruch im Sinne Kafkas nicht ein von allen wahrgenommenes Trompetensignal zur Strukturerneuerung sein, „Weg-Von-Hier“ zu ganz neuen Ufern? Der Neubeginn in der GEDOK Niedersachsen-Hannover scheint mir eine Chance, die nicht vertan werden darf.
Aber wer weiß schon, wie die historische GEDOK-Geschichte in Zukunft weiter geschrieben werden wird.
Nur einer, nämlich Oscar Wilde, der weiß es ganz genau:


„Am Ende wird alles gut
und wenn es nicht gut wird,
ist es nicht das Ende.“


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