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Bericht vom 09.10.2011

Das Format ist das Thema

60 Jahre BBK Stade-Cuxhaven

Jutta de Vries

Das Format ist das Thema
60 Jahre BBK Stade-Cuxhaven
Einführung zur Eröffnung der Jubiläums-Ausstellung am 2. Oktober 2011
Atelier Minke Havemann, Hagenah
©Jutta de Vries




Heute wird gefeiert, und zwar mit berechtigtem Stolz: 60 Jahre ist es her, seit Stader und Cuxhavener Künstler sich im Jahr 1951 um den legendären, unvergessenen Synold Klein zum regionalen BBK zusammen schlossen. Da steckte der Berufsverband noch in den Kinderschuhen, eine erste lose  Verbindung der bis dahin gegründeten nur 10 Bezirksgruppen erfolgte erst 1953, die Profilierung zur größten und erfolgreichsten Künstlerorganisation in Europa setzte erst seit dem Bundeskongress im Jahr 1972 ein. Inzwischen profitieren ca. 10.000 Mitglieder von der Berufsplattform BBK, die als gesetzliches Rahmenwerk Schutzfunktionen im sozialen und berufsspezifischen Umfeld der freiberuflich und haupterwerbstätigen Künstlerinnen und Künstler vorhält. Im Bezirk Stade-Cuxhaben, der den nördlichen Teil des Landschaftsverbandes Bremen-Verden umschließt, waren viele auch überregional bekannte KünstlerInnen eingeschrieben – ihre Namen sind hier aufgelistet. Heute zählt die Gruppe 26 Mitglieder. 
Und fast alle feiern mit in dieser Jubiläumsausstellung!
Von Stade bis Bremerhaven, von Hamburg bis Cuxhaven, von der Wingst bis Rotenburg spannt sich das Wirkungsareal und ich begrüße die anwesenden KünsterInnen sehr herzlich, allen voran die Vorsitzende Barbara Uebel und die Gastgeberin der Ausstellung, Minke Havemann. Und natürlich Sie, die Kunstfreunde, ohne die der künstlerische Dialog gar nicht zustande käme.


Eine Künstler-Vereinigung in Selbstverwaltung birgt ja auch immer brisanten Zündstoff, denn in erster Linie wird die Künstlerin, der Künstler ganz legitim die eigenen Interessen, das Profil und die eigene Kunst als solitäre, unverwechselbare Kommentierung von Welt vertreten wollen. „Bei aller notorischen Skepsis der KünstlerInnen gegenüber Verbänden und Vereinigungen aller Art schadet niemand seiner genialen Einzigartigkeit, wenn er sich im BBK organisiert. Gerade weil die Mehrheit der KünstlerInnen üblicherweise miteinander konkurriert, braucht sie eine starke gemeinsame Vertretung, die ihre Interessen...wahrnimmt.“ 
(Zitat Prof. Klaus Staeck). Denn der Verband versteht sich eben nur als hilfreichen Rahmen, als gesellschaftlich-politische Hilfe. Natürlich sind Fragen der künstlerischen Standards von Wichtigkeit, ebenso Fortbildungsmöglichkeiten, um schlummernde Fähigkeiten noch weiter zu entwickeln, und es ist auch die Kommunikation, das Kollegen-Gespräch ein unverzichtbarer Bonus, auch gerade, wenn man mal in einer Sackgasse ist oder Blockaden auftreten. Es hilft, wenn man da gute Kollegen befragen darf. Dass es da manchmal auch hoch her gehen kann, hat die Bezirksgruppe Stade-Cuxhaven auch schon erfahren müssen. Unter der jetzigen Vorsitzenden, Holzbildhauerin Barbara Uebel, hat die Gruppe längst schon zu einer harmonischen Solidarität gefunden, Glückwunsch! Das muß gefeiert werden!


Aber wie kann deutlich werden, daß im gemeinsamen Rahmen der Institution jede und jeder die ganz individuelle Ausdrucksmöglichkeit auslotet, und wie wird klar, dass ein fruchtbarer Diskurs, ein Vernetzen der künstlerischen Möglichkeiten als Chance genutzt wird – kurz gefragt: wie wird die Idee einer Gruppen-Ausstellung zur harmonischen Einheit in der Präsentation von Offenheit und Vielfalt?


Ganz einfach – der Rahmen, der gefeiert wird, ist der Rahmen:
Der Rahmen muß her, der das Bildformat bestimmt: 
ein Kasten hält  das Format von 40 cm Kantenlänge:
das Format ist das Thema.


Die Vielfalt in der Einheit - Hier grüßen zwar von weitem die Philosophie des Nicolaus von Kues und die Mannigfaltigkeitslehre des Mathematikers Georg Cantor, aber auch die BBK-KünstlerInnen, ob nun Maler, Bildhauer, Textil- und KonzeptkünstlerInnen haben die Herausforderung angenommen und lustvoll bespielt. 


Ganz pragmatisch ist der Kasten als Aufbewahrungsort aller Dinge eine uralte Erfindung der Menschheit, die mit rationaler Denkleistung Ordnungs-Schemata für Schutz und schnellen Zugriff erfand. Sinngemäß wurde er in einem System logistischer Notwendigkeiten entwickelt und fand je nach Nutzungsabsicht seine oft künstlerisch überhöhte Gestalt. So ein Kasten eignet sich auch wunderbar zum Zeigen von hoch geschätzten Dingen, die in seiner Hülle einen besonderen Schutz genießen, wie wir es von mittelalterlichen Reise-Altärchen oder barocken Wunderkammer-Kästen kennen. In dieser Funktion wird der Kasten aus dem Rahmen des alltäglichen Gebrauchsmodus herausgehoben, eine besondere Bedeutung und Wertschätzung wird ihm zugeordnet, er wird zum künstlerischen Guck-Kasten. 


Das Format als Norm und Regel gibt unserer Ausstellung einen stringenten, klassisch in sich ruhenden Ausdruck, der auch Eleganz und Würde mit einbezieht. Die Idee jedoch ist in der Präsentation intelligent aufgebrochen: Der spezielle Fokus auf das spezielle begrenzte Format  zeigt nämlich das künstlerische Thema in Brennglas-Optik, der Blick wird geführt, gebündelt auf das Wesentliche geleitet  – kann aber auch ziellos schweifen, kann Grenzen überfluten oder sie ins Dreidimensionale ausdehnen, Imagination, Augentäuschung, Licht, Luft, Mechanik und Aerodynamik zu Komplizen machen. 
Hermanns Apfel von Minke Havemann gleich zu Anfang der Ausstellung der in Trompe l’oeil-Manier und großer Lichtführung zum greifen nahe scheint, gibt das Thema Zeit und Vergänglichkeit vor: was bleibt? zentrale Frage auch für Künstler – erst die kommenden Generationen werden darauf Antwort haben. Raimund Adametz kommentiert mit sensiblen Farbverläufen in zarter Tapisserie, Jeanette Clasen mit dem Relief (funktioniert richtig) einer Achterbahn des Lebens mit Unendlichschleife. Auch Birgit Lindemanns Paraphrase über Dürers Holzschnitt „Melencholia“ greift den Gedanken auf ebenso wie Dana Jurascheks und Mike Behrens’ politische Statements. Ebenfalls in Bernhard Kohlhepps archäologischem Schnitt wird der Bogen weit und fragend  in die Zukunft gespannt, kostbar an Material und Ausführung ist hingegen Hans ARTigs Himmelsscheibe und erinnert an einen großen archäologischen Fund. Die rhythmisch so schön makaber hüpfenden „Verwerfungen“ von Christian Goldberg können hingegen in vielfältigen Assoziationen gedeutet werden. Von Unruhe und Aufbruch erzählen Ute Seifert und Marita Schlicker, biografisch erscheinen Giovanna Di Mai und Susanne Wendekamm, Heide Duwe preist Wissenschaft und Schöpfung in der Darstellung eines Insekts, Ute Breitenberger nimmt Wasserspiegelungen wahr, Ingeborg Steinhage zeigt die surreale Sekundenexistenz einer immateriellen Schatten-Figur und korrespondiert ganz intim zum farbgeknüpften Lichtquadrat im Fenster-Rechteck von Birgit Jaenicke. Ingeborg Dammann-Arndt löst mit ihrer speziellen Schraffurtechnik den Raum ins Bodenlose auf, Maria Mathieu lässt das Format zum edlen Portefeuille wachsen, das selbst im Eingriff noch dem Goldenen Schnitt verpflichtet ist. Nicht zu kurz kommt die heitere Seite des Formats: Barbara Uebels fröhlicher Zeitgenosse hält gerade noch am Rand die Balance, oder doch nicht? Dirk Behrens  betreibt weibliches Roulette mit einer Arbeit, die an allen vier Seiten aufgehängt werden kann, Eva Maria Jensch feiert den polierten Fetisch der Weiblichkeit, Annie Fischer psychologisiert in komischer Verzweiflung die Überflutung des Formats, und Herbert Eggert animiert zum aktiven Kurbelspaß ins kinetische Erlebnis.


Gedankliche und inhaltliche, formale, technische und farbliche Positionen korrespondieren miteinander oder grenzen ihren Raum ab, Hingucker sind überall, und zum Beschluß zeigt uns Minke Havemann noch in ihrer faszinierenden Renaissance-Manier, wie so eine formatierte Leinwand wohl auf der Rückseite aussieht (wenn sie handwerklich so gut vorbereitet ist wie diese).


Und am Ende des Rundgangs ist klar: Obwohl „das Format“ in engen Grenzen thematisiert wurde,  ist die Ausstellung weit entfernt von normativer Lobeskunst zum Geburtstag einer Organisation. 
Sondern sie hat Rang, Klasse und Charakter – das ist nämlich – O Du großartige Deutsche Sprache – die Bedeutung von „Format“ ohne  den Artikel. 
Also beglückwünsche ich Sie zu Ihrer Jubiläumsausstellung von Format. 




(Teilnehmende:
Raimund Adametz aus Oberndorf; Hans ARTig, Bremerhaven; Dirk Behrens, Stade; Mike Behrens, Hemmoor; Ute Breitenberger, Cuxhaven; Jeanette Clasen, Rotenburg; Ingeborg Dammann-Arndt, Zeven; Giovanna Di Mai, Hemmoor; Heide Duwe, Bremerhaven; Herbert Eggert, Cadenberge; Annie Fischer, Schloß Holte-Stukenbrock; Christian Goldberg, Hamburg; Minke Havemann, Hagenah; Birgit Jaenicke, Schl-Holstein; Eva-Maria Jensch, Cadenberge; Dana Juraschek, Sottrum; Bernhard Kohlhepp, Stade; Birgit Lindemann, Hamburg; Maria Mathieu, Sottrum; Marita Schlicker, Cuxhaven; Ute Seifert, Ottersberg; Ingeborg Steinhage, Bremerhaven; Barbara Uebel, Oberndorf; und Susanne Wendekamm, Ottersberg.)


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